Das Ende der Welt

Die Maya wussten es bereits. Auch den Hopi-Indianern war es bekannt. Natürlich hat auch Nostradamus darauf hingewiesen: Das Ende der Welt steht kurz bevor. Nach dem 21. Dezember 2012 wird es sie nicht mehr geben.

So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört

Der Gedanke an den kurz bevorstehenden Weltuntergang ist dem Christentum nicht fremd. Die Urchristen, also die Zeitgenossen von Jesus Christus, gingen ebenfalls davon aus, dass die Welt in Kürze nicht mehr sein werde. Zugleich wurden sie von der Hoffnung auf das bevorstehende Gottesreich erfüllt. Die Urchristen zogen aus dieser Situation den Schluss, dass es sich nicht lohne, sich mit der Politik zu beschäftigen. Dies belegen einige Stellen des Neuen Testaments.

Die vordringliche Pflichterfüllung gebührt also Gott

Die Erzählung vom Zinsgroschen in Markus 12, 13-17 ist chronologisch betrachtet der erste Hinweis, wie ein Christ sich gegenüber dem Staat (damals: Kaiser) verhalten soll. Jesus wird von Pharisäern und Anhängern des Herodes gefragt, ob es denn auf Gottes Weg erlaubt sei, Steuern zu zahlen oder nicht. Sie wollten Jesus mit dieser Frage eine Falle stellen: Hätte er sich gegen die Steuerpflicht ausgesprochen, hätte er offen gegen den Kaiser rebelliert, hätte er sich für die Steuerpflicht ausgesprochen, so würde er sich die streng-gläubigen Juden zum Feind machen. Jesus jedoch beantwortet diese Frage mit einem zweiteiligen Satz: „So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört.“ Die vorgespielte Frömmigkeit der Fragesteller konterkariert Jesus also, indem er die gestellte Frage nicht nur beantwortet (Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört), sondern zugleich auf die Pflicht gegenüber Gott hinweist.

In welchem Verhältnis Gott und Kaiser stehen, lässt sich dieser Textstelle nicht sofort entnehmen. Verschiedene Interpretationen sind möglich. Berücksichtigt man jedoch, dass Jesus und seine Jünger die Gegenwart nur als eine Übergangsepoche verstanden, die direkt in das kommende Gottesreich mündet, scheint das Verhältnis eindeutig zu sein: Die Pflichterfüllung gegenüber dem Kaiser ist nicht bedeutungsvoll, denn sie ist nur noch eine Frage der Zeit. Im Gottesreich gibt es keinen Kaiser, keinen Geldhandel und auch keine Steuer mehr. Die vordringliche Pflichterfüllung gebührt also Gott.

Staatliche Gewalt „von Gott gewollt“?

Auch Paulus hat sich zu der Frage nach dem Verhältnis von Christentum und Staat geäußert. In seinem Brief an die Römer beschäftigen sich die Verse 13, 1 bis 7 mit dieser Frage. In seinem einleitenden Satz erklärt er, dass jeder den Trägern der staatlichen Gewalt den schuldigen Gehorsam leisten solle. Auffallend an dieser Aufforderung sind zwei Aspekte: Zum einen richtet sie sich nicht nur an die Christen sondern an jedermann, also auch an Juden und Heiden. Zum anderen nennt sie keine Einschränkung hinsichtlich der Qualität der staatlichen Gewalt, etwa derart, dass nur der moralisch ausgeübten oder der gottgefälligen staatlichen Gewalt Gehorsam geschuldet wird.

Der Forderung nach unbedingter Loyalität gegenüber staatlicher Gewalt ist keineswegs eine typisch christliche Einstellung, sondern hat eine lange Tradition in der antiken Philosophie. Auch die weiteren Ausführungen des Paulus, wonach es keine staatliche Gewalt gibt, die nicht von Gott ist, ist keine typisch christliche Denkweise, sondern hat ihre Wurzeln bereits in der jüdisch-hellenistischen Gedankenwelt.

Diese Legitimation der staatlichen Gewalt als „von Gott gewollt“ macht jedoch verständlich, weshalb es keiner Einschränkung hinsichtlich der Qualität der Gewalt bedarf, denn es gilt:

Was von Gott ist, ist per se gut.
Eine verwerfliche, gar böse staatliche Gewalt
kann es dann nicht geben.

Die Mahnrede des Paulus in Römer 13 ist jedoch vor allem deshalb erstaunlich, weil Paulus zur Zeit des Niederschreibens selbst schon Opfer staatlicher Gewalt geworden war: Laut seinem Bericht im 2. Brief an die Korinther hat er bereits fünfmal von den Juden die neununddreißig Hiebe erhalten, ist dreimal ausgepeitscht und einmal gesteinigt worden. In der Apostelgeschichte wird berichtet, dass Paulus und Silas geschlagen und ins Gefängnis geworfen worden seien.

Der Staat nur eine vorübergehende Einrichtung

Dieser biographische Hintergrund führt unweigerlich zu der Frage, weshalb Paulus sich nicht für eine Rebellion gegen die Staatsmacht ausspricht oder gar selbst zum Staatsfeind wird. Verständlich wird diese Einstellung nur, wenn man sich den typisch christlichen Charakter der allgemeinen Forderung zur unbedingten Loyalität gegenüber dem Staat, wie Paulus ihn in Römer 13 formuliert, vor Augen führt: Wie in der Erzählung über den Zinsgroschen muss auch bei Paulus die Voraussetzung, dass der Staat nur eine vorübergehende Einrichtung ist, einbezogen werden. In Römer 13, 11 stellt Paulus klar, dass das Gottesreich kurz bevorsteht. Für Paulus steht es den Menschen nicht zu, das Gottesreich selbst herbeizuführen, indem sie gegen den Staat Stellung beziehen. Es ist Gottes Aufgabe, den richtigen Zeitpunkt für das Gottesreich zu bestimmen. Ein guter Christ darf Gottes Walten nicht vorgreifen!

Gut 150 Jahre n. Chr. nimmt Justin die Erzählung vom Zinsgroschen wieder auf, gibt sie jedoch mit einer anderen Schwerpunktsetzung wieder. Die Frage wird ganz allgemein gestellt: Muss man dem Caesar Steuern zahlen? Justin betont in seiner Darstellung des Ereignisses, dass man selbstverständlich Gott anbeten müsse; zugleich wird die Erfüllung der Staatspflichten zu einer wichtigen Aufgabe eines Christen. Für Justin ist der Übergangscharakter der Zeit nicht mehr relevant. Das Gottesreich wird zwar weiterhin erwartet, aber es steht für ihn nicht mehr kurz bevor. Die christliche Pflicht der Loyalität gegenüber dem Staat steht für Justin im Vordergrund.

Und heute? Nach den Vorhersagen der Maya, der Hopi, von Nostradamus und anderen steht für uns am 21. Dezember 2012 das Ende der Welt bevor. Insofern haben wir also die gleiche Ausgangssituation wie die Urchristen vor gut 2000 Jahren. Als Lehre aus den Textstellen des Neuen Testaments könnten wir uns zurücklehnen und uns einem gewissen Fatalismus hingeben: Unser Treiben auf Erden verliert an Bedeutung. Was kommt, das kommt.

Besserung auf Erden?

Doch wenn wir ehrlich sind, glaubt so gut wie keiner an das bevorstehende Ende. Wir nehmen zwar mit Entsetzen wahr, dass sich die Welt verändert. Naturkatastrophen sind keine Seltenheit mehr. Stürme, Überschwemmungen, Erdbeben erschüttern unseren Kosmos. Auch die politische Situation rund um Europa ist fragil. Dennoch ist nicht vorstellbar, dass am 21. Dezember 2012 die Welt wirklich untergeht. Und an ein nahendes Gottesreich glauben noch weniger Menschen.

Wenn es aber am 21. Dezember 2012 nicht zu dem prophezeiten Ende der Weltgeschichte kommen sollte, stellt sich dennoch die Frage, ob dieser Tag spurlos an uns vorbeigeht. Vielleicht steht nicht das Gottesreich kurz bevor, aber vielleicht gehen wir jedenfalls einer Epoche entgegen, die Besserung auf Erden verspricht.

  • Einer Zeit, in der wir die bisherigen Mahnungen von
    Mutter Natur verstanden haben und unsere Erde mehr schützen
    und respektieren, als wir es bislang getan haben
  • Einer Zeit, in der wir wieder ein Miteinander leben,
    statt uns gegenseitig das Leben schwer zu machen
  • Einer Zeit, in der wir uns gegenseitig die Hand reichen,
    statt uns mit Fußtritten umzubringen

Der 21. Dezember 2012 wäre für ein derartiges Umdenken ein schönes Datum, mitten in der Weihnachtszeit und dem durch die Geburt Jesu Christi bezeugten Neuanfang.

Carola Napieralla

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