Das ist mein Schlüssel zur Welt

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung, startete am 19. September 2012 die Kampagne „Lesen und Schreiben – Mein Schlüssel zur Welt“. Mit dieser Kampagne sollen alle Menschen, die bislang nicht schreiben und lesen können, dazu motiviert und darin unterstützt werden, beides zu lernen.

Ein Erfahrungsbericht aus einer anderen Perspektive

Adressaten dieser Kampagne sind alle Bürgerinnen und Bürger, unabhängig ihrer gesellschaftlichen Herkunft und ihres Alters. Mittels Werbespots ist beabsichtigt, den Adressaten die Angst oder Scheu zu nehmen, sich ihrer Schwäche zu stellen. Zugleich sollen Ansprechpartner genannt werden, um einen Lehrgang zu finden, in dem den Erwachsenen das Lesen und Schreiben vermittelt wird. Auf der Internetseite können auch Erfahrungsberichte von Analphabeten nachgelesen werden.

Meine Erfahrung mit Andreas
Als ich zum ersten Mal dem Analphabeten Andreas* (der Name wurde von der Redaktion geändert) begegnete, ergriff mich Mitleid mit ihm. Damals war mir in erster Linie bewusst, dass dieser Mensch niemals ein Buch lesen kann. Genau dies ist aber zum Beispiel für mich unheimlich wichtig, um zu entspannen, neue Einsichten zu gewinnen oder meine Neugier in bestimmten Bereichen zu befriedigen. Zusätzlich war ich mir auch bewusst, dass ein Analphabet keine Briefe lesen kann, aber dieses Problem schien mir nicht unüberwindbar zu sein, da man sich diese im Einzelfall vorlesen lassen kann. Nach meiner heutigen Erfahrung muss ich aber einräumen, dass die Probleme, die sich im Alltag zeigen, tatsächlich viel größer sind als von mir zunächst eingeschätzt. So ist es beispielsweise sehr schwierig, einkaufen zu gehen. Zwar kann man meistens problemlos die Ware erkennen, die man kaufen will (z.B. ein Brot), aber man kann die Preise nicht richtig zuordnen, wenn sie nicht zufällig – wie einst üblich gewesen – direkt auf der Ware angebracht sind. Wie soll man die vielen kleinen Zettelchen, die am Regal angebracht sind, der Ware, die man kaufen will, zuordnen?

Mein anfängliches Mitleid wandelte sich schon bald in großen Respekt.

Um aber den Einkauf besser kalkulieren zu können, ist die Kenntnis des Preises wichtig. Andreas löst dieses Problem zum Beispiel, indem er in den Laden geht, drei/vier Artikel kauft, sie bezahlt, die Ware nach Hause bringt und dann erneut einkaufen geht. Anhand des Rückgeldes kann er dann abschätzen, ob er noch weiter einkaufen kann oder nicht. Dieses Vorgehen ist zwar umständlich, aber Andreas weiß sich zu helfen. Mein anfängliches Mitleid wandelte sich schon bald in großen Respekt. Gemeinsam mit Andreas hatte ich einen Termin in einer Berliner Behörde. Unendlich lang wirkende Gänge, Abzweigungen, Winkel und Besenkammern, Treppen, Fahrstühle, zahlreiche Türen und noch mehr kleine Schildchen mit Namen und Nummern lagen vor uns. Die Raumnummer fest in der Hand forschten wir nach dem richtigen Weg. Nach einigem Befragen von Mitarbeitern und Nachlesen auf Aushängen hatten wir überglücklich den begehrten Raum gefunden. Das Gespräch verlief gut und der Rückweg war ein Kinderspiel.

Sehr lehrreiche kleine Episode
Einige Wochen später hatten wir erneut einen Gesprächstermin in demselben Raum. Leider hatte ich vergessen, mir die Raumnummer wieder zu notieren. So standen wir nun vor dem Labyrinth von Gängen und Räumen, ohne unser Ziel benennen zu können. Ich schlug vor, dass Andreas und ich der Erinnerung nach versuchen, den Raum zu finden. Andreas aufmerksam wie er ist, wies darauf hin, dass neben der Zimmertür ein roter Briefkasten gehangen habe. Ich sagte „ja, ja“ und marschierte los. Schon bald fand ich den Raum, klopfte siegesgewiss an und erklärte meinem Begleiter derweil: „Schauen Sie, hier ist auch der rote Kasten. Sie haben nur den Briefkasten mit einem Feuermelder verwechselt.“ Allein, ich musste schnell erfahren, dass ich mich getäuscht hatte. Wir waren am falschen Raum angekommen. Nach weiterer Suche standen wir endlich vor dem richtigen Raum. Ich sah zur Seite und gestand dann kleinlaut ein: „Sie hatten recht. Hier ist der rote Briefkasten.“

Diese kleine Episode war für mich sehr lehrreich. Ich stellte fest, dass jemand, der nicht lesen und schreiben kann, sich dennoch im Leben zurechtfinden kann, vielleicht umständlich aber in der einen oder anderen Weise sogar besser als manch anderer. Seit diesem Tag habe ich zu Andreas absolutes Vertrauen. Erstaunlicherweise macht mein gewonnenes Vertrauen auch ihn stark.

Ein paar Wochen später musste Andreas mit dem öffentlichen und privaten Nahverkehr von Spandau nach Schöneberg reisen, also eine Strecke absolvieren, die er vorher noch nie gefahren war. Seine Freunde erklärten, dass er dies nicht könne und forderten, dass irgendjemand ihn bringen müsse. Ich hingegen äußerte in Erinnerung an den roten Briefkasten meine Zuversicht, dass Andreas auch das allein schaffen werde. Durch meinen Zuspruch bestärkt, fuhr Andreas am Tag vor dem Termin mit einem Bekannten den Weg ab. Einmal hin – und einmal zurück. Am nächsten Tag stellte er sich dann der Herausforderung und kam ohne Schwierigkeiten am Zielort an. Durch diesen kleinen Erfolg zusätzlich bestärkt, wird Andreas heute immer selbstbewusster und traut sich jeden Tag mehr zu. Ich bewundere ihn dafür!

Das schaffst auch Du
Meine eigene Erfahrung beweist mir, dass es im Umgang mit Analphabeten besonders wichtig ist, diesen Menschen Mut zuzusprechen. Mit ein wenig Zuspruch kann man erreichen, dass die Menschen Selbstvertrauen und vielleicht sogar den Mut gewinnen, lesen und schreiben zu lernen. Das alles erfordert Zeit, Geduld und ein Eingehen auf seinen Mitmenschen, um ihn zu bestärken.

Nichts Anderes als ein aufmunterndes „Das schaffst auch Du“ ist mit der Kampagne des Bundesministeriums für Bildung und Forschung bezweckt. Wenn wir Bürger uns diesem Zuspruch anschließen und unseren Nächsten, der nicht lesen und schreiben kann, aufmuntern und ermutigen, dann ist das eine große Hilfe für den Betreffenen. Auf diese Weise lässt sich in kleinen Schritten der Analphabetismus in Deutschland wirksam bekämpfen. Seien wir ehrlich: Ein kleines „Du schaffst das…“ oder ein großes „Yes, we can!“ tut auch uns im Alltag gut.

Carola Napieralla
Schavan Pressemitteilung
Kampagne

Ihr Kommentar zum Thema

UA-37978773-1