Erleben wir epikureische Zeiten?

Epikur lebte von ca. 341 bis 271 vor Chr. in Griechenland. In seinem Garten versammelte er Anhänger und Schüler um sich, mit denen er durch das Grün der Pflanzen lustwandelte und diskutierte bzw. seine Theorien über Logik, Physik und Ethik lehrte.

So fordert Epikur, dass man sich der Politik widmen soll, sofern man sie beeinflussen kann

Die Philosophie Epikurs wird häufig mit dem Hedonismus, also einem Leben, das auf ein gezieltes Luststreben ausgerichtet ist, verwechselt und gilt somit landläufig als Rechtfertigung für ein Leben, das ganz dem sorglosen Sinnesgenuss gewidmet ist. Betrachtet man unsere heutige Gesellschaft, scheint es diverse Parallelen zwischen dem Epikureismus und den heutigen Verhältnissen zu geben.

Tatsächlich einen Mehrwert
So kommt den Sinnesfreuden heute eine herausragende Stellung in allen Lebensbereichen zu. Wir erfreuen uns an technischen Erneuerungen, ohne dass diese uns tatsächlich einen Mehrwert bringen müssen, frönen dem Musik-, Theater- und Kunstgenuss ohne Grenzen und zu jeder Zeit, geben uns dem Konsumrausch hin, verschenken unser Herz mehr als einmal. Allein der Umstand, wie viele Kochsendungen es im deutschen Fernsehen gibt, lässt erahnen, welch hohen Stellenwert die (kulinarischen) Sinnesfreuden in unserem Leben einnehmen. Es lassen sich noch zahlreiche andere Beispiele nennen.

Die niedrige Wahlbeteiligung bei den Landes- und Bundestagswahlen kann auch als Parallele zum Epikureismus gewertet werden.

So fordert Epikur, dass man sich der Politik widmen soll, sofern man sie beeinflussen kann. Sollte man sie nicht beeinflussen können, dann jedoch soll man sich zurückziehen. Diese Zurückgezogenheit in das Private, das Epikur in seinem Garten vorlebte, entdecken wir heute auch. Die Bürgerinnen und Bürger können sich häufig nicht mehr mit den Problemen der Politik identifizieren. Wie soll ein normaler Bürger auch die Probleme eines Europäischen Rettungsschirms – als Beispiel – verstehen können, wenn nicht einmal alle Bundestagsabgeordneten wissen, wovon eigentlich die Rede ist.

Abschreckende Institution Kirche
Epikur leugnete keineswegs die Existenz der Götter, stritt aber ab, dass sich diese in das Leben der Menschen einmischen. Aus diesem Grund war es seiner Meinung nach nicht erforderlich, sie anzurufen und ihnen Opfer darzubringen. Auch hier entdeckt man eine Ähnlichkeit zur heutigen Zeit. Ins Gespräch mit Mitbürgern vertieft, erfährt man sehr häufig, dass die Existenz Gottes zwar nicht unbedingt geleugnet wird, doch auch keine wesentliche Bedeutung im Alltag einnimmt. Die meisten Menschen fühlen sich insbesondere von der Institution Kirche abgeschreckt. Und ob irgendjemand heute Gott um Hilfe bitten würde, wenn er vor einem Abgrund steht, mag man guten Gewissens bezweifeln dürfen.

Leben wir also in epikureischen Zeiten? Die Antwort lautet eindeutig „nein“. Die Ähnlichkeiten mögen zwar groß sein, aber sie sind es nur oberflächlich.

Epikur hat keineswegs eine zügellose Sinneslust gefordert. Sein Credo lautete, dass die Gewinnung von Lust und die Vermeidung von Unlust, also von Schmerz etc., das Ziel des Lebens seien. Das bedeutet aber keineswegs, dass man sich ungehemmt materiellen Werten und sensuellen Freuden hingeben solle. Nur ein geringes Mehr an Lust statt an Unlust wird von Epikur gefordert. Ausschweifungen jeglicher Art lehnte er ab, da diese zu schmerzhaften Rückschlägen führen – jeder kennt den Kater am Morgen nach der großen Party und weiß, wovon Epikur hier spricht.

Wir gönnen uns nicht mal den Sonntag
Für Epikur musste deshalb das Streben nach Glück durch Vernunft geleitet werden. Das Glück liegt für ihn in einer heiteren Beschaulichkeit, also einer ausgeglichenen Ruhe des Geistes und in der Mäßigung in allen Lebensbereichen. Auch spielte für Epikur die Ruhe (insbesondere seines Gartens) eine wesentliche Rolle. Doch von Ruhe und Mäßigung sind wir in unseren heutigen Tagen weit entfernt. Wir gönnen uns nicht einmal mehr am Sonntag ein wenig Ruhe, sondern ergötzen uns an geöffneten Geschäften oder hetzen von einer Verabredung zu nächsten. Allein der Umstand, dass am neuen Flughafen BER ein „Ruhe-Raum“ geplant ist zeigt, wie wenig Ruhe wir uns in unserem Alltagsleben gönnen.

Von epikureischen Zeiten sind wir wohl sehr weit entfernt…

Carola Napieralla

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