Wie war das, Josef?

Zur Heiligen Familie gehören Maria, Josef und Jesus. Über Josef von Nazaret wird in der Bibel nur von den beiden Evangelisten Matthäus und Lukas berichtet. Der Autor fasst alle die Stellen in der Bibel zusammen, in denen Josef allein oder Josef und Maria als Eltern erwähnt werden.

Sie erwartete ein Kind, obwohl wir noch gar nicht zusammengekommen waren.

Ihr fragt mich nach meinen Vorfahren? Stammen wir nicht alle von Adam ab, dem ersten Sohn Gottes? Lasst mich nicht alle Namen nennen, denn wir zählen seit Abraham drei mal vierzehn Generationen bis zur Geburt Jesu. Nur einer sei erwähnt: König David. Aus seinem Haus und Geschlecht bin ich also, wie ihr ja wisst. Doch mein Vater war Jakob, der meine Mutter nach dem Tod ihres Mannes, seines Bruders Eli, geheiratet hatte.

Aber genug davon. Lasst mich nun von Maria erzählen. Wir waren verlobt. Ich bin Zimmermann und als solcher bei den Leuten bekannt. Ich hätte auch nichts dagegen gehabt, wenn man mich Baumeister genannt hätte. Aus Holz und Stein habe ich alles bearbeitet und mir damit einen Namen gemacht. Der Heirat stand mithin nichts im Wege.

Ich war verzweifelt, habe mit mir gerungen
Und dann war Maria schwanger. Sie erwartete ein Kind, obwohl wir noch gar nicht zusammengekommen waren. Ihr könnt euch vorstellen, wie mir zumute war und was das für mich und in noch höherem Maße für Maria bedeutete. Aber keinesfalls wollte ich sie bloßstellen. Ich war verzweifelt, habe mit mir gerungen, habe mich gequält und gegrübelt, endlos gegrübelt. Schließlich hatte ich mich entschieden: ich werde mich in aller Stille von ihr trennen.

Doch dann passierte etwas Sonderbares: ich träumte und mir erschien im Traum ein Engel des Herrn. Der sprach zu mir und sagte: „Josef, Sohn Davids, scheue dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen.“ Ich wachte auf und hielt mich an das vom Engel Aufgetragene. Denn so, wie mir verkündet, hatte es auch der Prophet vorausgesagt.

Wie ihr wisst, mussten wir uns dann in diese Steuerlisten eintragen lassen. Das hatte Kaiser Augustus befohlen und das Ganze geschah zum ersten mal. Damals war Quirinus Statthalter von Syrien und jeder ging in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen. Also machte auch ich mich mit Maria, meiner Verlobten, auf nach Betlehem, obwohl sie das Kind erwartete. Und kaum waren wir in Betlehem eingetroffen, da kam die Zeit ihrer Niederkunft. Sie gebar ihren Sohn, ihren Erstgeborenen. Platz in einer Herberge hatten wir nicht gefunden. Also wickelte Maria ihren Sohn in Windeln und legte ihn in eine Krippe.

Ihr fragt mich, wer noch dabei war. Nein, an Tiere kann ich mich nicht erinnern. Weder Ochse noch Kuh oder Schaf waren Zeuge der Geburt. Aber wenig später kamen Hirten, die in der Nähe auf dem Felde waren. Sie trafen uns an, so wie ich es beschrieben habe. Und als sie das Kind sahen, erzählten sie, dass ihnen bei der Nachtwache ein Engel erschienen sei. „Fürchtet euch nicht“, habe er gesagt. Und weiter: „Ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.“

Denn meine Augen haben das Heil gesehen
Wir staunten mächtig. Es war Maria anzusehen, dass das Gesagte sie beschäftigte. Die Hirten waren inzwischen gegangen. Könige, heilige drei Könige, habe ich nicht gesehen und Sterndeuter auch nicht; jedenfalls war ich nicht dabei, wenn sie uns besucht haben sollten. Bei der Beschneidung acht Tage später gaben wir dem Kind den Namen Jesus, so wie uns der Engel geheißen hatte.

„Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn geweiht sein“, so lautet das Gesetz des Herrn. Also brachten wir Jesus nach Jerusalem, wo wir auch ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben dem Herrn als Opfer darbringen wollten. Als wir den Tempel betraten, empfing uns ein Mann namens Simeon, nahm Jesus in seine Arme und sprach: „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel.“

Wieder waren Maria und ich sehr verwundert. Dann segnete uns Simeon und sagte zu Maria: „Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen.“

Auch eine Witwe mit dem Namen Hanna, die bereits vierundachtzig Jahre alt war, sich ständig im Tempel aufhielt und Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten diente, sprach zu uns und allen, die im Tempel ihr zuhörten, über Jesus und die Erlösung Jerusalems.

Wenn ihr mich darauf ansprecht: ich wusste nicht, dass dem Simeon vom Heiligen Geist offenbart worden war, er würde erst den Tod schauen, wenn er den Messias des Herrn gesehen habe. So verließen wir, nachdem wir alles getreu dem Gesetz des Herrn verrichtet hatten, nachdenklich den Tempel.

Wir flohen nach Ägypten
Nein, ich vergesse nicht, über Ägypten zu erzählen. Bald nach der Geburt unseres – wie ich inzwischen sagen darf – Sohnes hatte ich wieder einen Traum. Erneut war mir ein Engel unseres Herrn erschienen und sagte: „Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten.“ Ich stand auf und das noch mitten in der Nacht und wir flohen nach Ägypten. Dort blieben wir und hofften auf unsere Heimkehr.

Und ein drittes mal erschien mir ein Engel im Traum. Und wieder sagte er: „Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter!“ Und weiter: „ Zieh in das Land Israel; denn die Leute, die dem Kind nach dem Leben getrachtet haben, sind tot.“ Da bin ich aufgestanden und mit den beiden nach Israel gezogen. In Nazaret wuchs unser Sohn heran und wurde kräftig. Gott erfüllte ihn mit Weisheit und seine Gnade ruhte auf ihm.

Ein letztes mal noch habe ich ihn gesehen, als er zwölf Jahre alt geworden war. Jedes Jahr waren wir zum Paschafest nach Jerusalem gegangen. So zogen wir auch jetzt wieder hinauf, wie es der Festbrauch war. Als dann die Festtage zu Ende waren, machten wir uns auf den Heimweg.

Erst unterwegs merkten wir, dass Jesus nicht bei uns war. Aber, so dachten wir, der wird irgendwo in der Pilgergruppe untergetaucht sein. Nachdem wir eine ganze Tagesstrecke gereist waren und er noch immer nicht wieder da war, begannen wir ihn bei Verwandten und Bekannten zu suchen. Ohne Erfolg. Wir fanden ihn nicht und kehrten nach Jerusalem zurück. Dort suchten wir ihn drei Tage lang. Und wo fanden wir ihn? Er saß im Tempel, mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen. Alle, die ihn hörten, waren erstaunt über sein Verständnis und über seine Antworten.

Als wir ihn sahen, waren wir sehr betroffen. Maria sagte zu ihm: „Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht.“ Was er antwortete, haben wir nicht verstanden: „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?“ Wie gesagt, wir hatten nicht verstanden, was er uns damit sagen wollte.

Tomasz Owczarz

Ihr Kommentar zum Thema

UA-37978773-1