Kultur, Soziales

Ankommen

Am Fenster hingen Regen­tropfen. Es war kalt an diesem Dezem­bertag. Meine Schwester wollte ihren Weihnachts­besuch mit ihrer gesamten Familie wahrmachen. Unten auf dem Bürger­steig liefen drei Männer, die sich die Kapuzen ihrer Jacken über den Kopf gezogen hatten.

Einer der Männer trug in der Hand ein Brot, das in der Mitte, da wo er es in der Hand hielt, mit weißem Papier umwickelt war. Die andere Hand hatte er in die Hosen­tasche gesteckt. Sein Begleiter trug eine Tüte im angewin­kelten Arm und auch er hatte die andere Hand in der Hosen­tasche. Der dritte Mann lief ein oder zwei Schritte hinter den beiden. Er hielt ein Handy an sein Ohr und unter­malte sein Gespräch mit der anderen Hand. Alle drei trugen Jeans und Turnschuhe, deren weiße oder bunte Streifen aufleuch­teten, wenn der Schein­werfer eines vorbei­fah­renden Autos sie erfasste.

Flüchtlinge. Wahrscheinlich Syrer“, dachte ich. „Was für ein Weg!“

Die Rücken der drei Männer wurden langsam unscharf, verschwammen mitein­ander. Ich hörte abwech­selnd leise und laute Geräusche und Stimmen, ich schmeckte etwas Unbekanntes auf der Zunge, ich roch Rauch, ich sah ein ganzes Dorf vor mir. Die meisten Häuser waren zerstört, die Gärten verwüstet. Ich versuchte, den Trümmern ihre Bewohner, die Nachbar­fa­milien mit meinen Spiel­ka­me­raden, zuzuordnen, die ich doch so gut kannte. In den meisten Fällen misslang mir das. Soldaten liefen aufgeregt dort herum, wo noch Reste der Straße zu erkennen waren.

Dann hörte ich meines Vaters Stimme. Er rief laut und fast ärgerlich, dass wir uns beeilen sollten. Irgend­jemand würde uns mit seinem alten Auto in den nächsten Ort mitnehmen. Meine Mutter stieg als erste in das Fahrzeug. Sie hatte meine kleine Schwester auf dem Arm, die mit dem Daumen im Mund und auf die Schulter der Mutter gelehntem Kopf fest schlief. Dann hob mich mein Vater in den Wagen. Ich durfte neben ihm beim Fahrer sitzen.

Zu unserem Haus zurück­ge­sehen habe ich nicht. Ich wusste ja, dass wir bald wieder­kommen würden. Aus den Gesprächen von Vater und Mutter in der letzten Zeit hatte ich erlauscht, dass wir wohl vorüber­gehend woanders wohnen würden. Ein paar Tränen hatte ich aller­dings vergossen, denn meinen Fußball hatte ich nicht mitnehmen dürfen. Mutter hatte im Sommer eine Kugel aus Papier und Lumpen ganz fest mit Woll- und Stoff­resten umwickelt. Keiner im Dorf hatte einen schöneren Fußball und ich war Torschüt­zen­könig unserer Straße. Heimlich im Garten hatte ich auf ein selbst gebas­teltes Tor geschossen.

In den folgenden Tagen mussten wir laufen. Das machte erst einmal Spaß. Viel zu selten war ja die ganze Familie gemeinsam unterwegs gewesen.

Immer hatten Vater oder Mutter zu arbeiten oder irgend­etwas zu erledigen. Sehr bald aber war mir der Spaß am Laufen vergangen. Dann nahm mich Vater an die Hand. Meine Schwester saß in einem alten Kinder­wagen und schrie unentwegt. Mutter zog den Wagen und redete auf Vater ein, dass wir unbedingt Milch brauchten. Vater sagte, dass er sich darum kümmern würde. Viele fremde Leute liefen mit uns. Wenn wir stehen blieben, sprach Vater mit einigen von ihnen, während andere das Rad an den Kinder­wagen klemmten, das sich immer dann selbständig machte, wenn es zügig voran­gehen sollte. Alle hatten offen­sichtlich dasselbe vor, alle wollten, wie ich sie verstand, nach Deutschland. Manchmal bei einem Halt reichte uns Kindern jemand aus der Gruppe der Mitlau­fenden ein kleines Stückchen Brot oder Kuchen, auch einmal eine Scheibe von einem Apfel oder, wenn man ganz großes Glück hatte, eine ganze kleine Süßigkeit. Menschen am Straßenrand waren weniger spendabel. Aber an einem alten Bauernhof bekamen wir einmal so viel Milch für meine Schwester, dass ich einen Schluck abbekam. Wie oft aber öffneten sich Türen oder Fenster gar nicht, wenn wir um Brot oder Wasser baten!

Sie brachten Nachrichten mit, die Vater sehr beunruhigten.

Die Nächte waren nie schön. Jede Nacht schliefen wir an einem anderen Ort und nie konnte ich wirklich richtig schlafen. Es war immer kalt und auch wenn ich eng an Vater oder Mutter heran­ge­rückt war, spürte ich, wie die Kälte von den Füßen her die Beine hochge­krochen kam. Nie waren wir allein, immer waren Leute um uns herum. Und sie brachten Nachrichten mit, die Vater sehr beunru­higten.

Man will uns dort wohl nicht“, sagte er. „Aber Deutschland ist groß“.
„Warum will man uns nicht?“, fragte ich.
„Mach dir keine Gedanken. Alles wird gut!“, pflegte er immer zu sagen. Das sage ich noch heute zu meinen Kindern, wohl wissend, dass das Wort „hoffentlich“ im Sinne der Motivation ersatzlos gestrichen ist.

Wie froh war ich, wenn die Reise mal mit der Eisenbahn weiterging! Dann konnte ich die müden Beine ausstrecken oder sogar einmal die Schuhe ausziehen. Obwohl in dem Zug dichtes Gedränge herrschte, konnte meine Schwester Laufver­suche machen. Damit erfreute sie alle Mitrei­senden, die dann so etwas wie ein Laufgitter bildeten. Aber ob zu Fuß oder im Zug: der Hunger wurde zum ständigen Begleiter. Ich bekam Magen­schmerzen und meine Schwester schrie oft lange und anhaltend. Irgendwann hieß es, wir hätten die Grenze passiert. Nun waren wir also in Deutschland. Einige wenige Leute begrüßten uns winkend. Ganz selten bekamen wir oder einer unserer Mitrei­senden etwas zugesteckt. War es etwas zu essen, schlang es meist derjenige, der beschenkt worden war, eilig hinunter. Kaum einmal wurde Essbares geteilt. Eine Flasche Wasser wurde schon mal herum­ge­reicht. Aber nicht alle Menschen, auf die wir trafen, schienen über unsere Ankunft erfreut zu sein. Manche nannten uns „Gesindel“ oder „Gesockse“. Ich konnte mit diesen Worten nichts anfangen, spürte aber, dass wir hier offen­sichtlich nicht bleiben sollten. Langsam beschlich mich das Gefühl, dass wir mitunter regel­recht verscheucht würden. Also zogen wir dann auch weiter. „Haut bloß ab!“, hatte man uns mit ängst­lichem Blick nachge­rufen. Das fand ich sehr ungerecht.

Ich weiß nicht mehr, wie oft ich Vater fragte: „Ist es noch weit?“ Ich weiß auch nicht mehr, was er dann antwortete. Aber ich erinnere mich, dass beide Eltern oft und an verschie­densten Stellen und Plätzen danach fragten, ob es eine Bleibe für uns gäbe. Ich merkte, dass unser Weg, unser Ankommen nicht auf ein bestimmtes Ziel gerichtet war sondern darauf, irgendwo einen Platz zu finden und dort willkommen zu sein. Ich merkte, dass wir nicht etwa in einem Umzug steckten sondern dass wir kein Zuhause mehr hatten. Und ich merkte-und das tat besonders weh-, dass ein neues Zuhause nicht mehr von uns, von Vater und Mutter, die sonst immer alles bestens zu regeln wussten, abhing sondern von anderen Dingen, die die Eltern nicht mehr beein­flussen konnten. Ich war im Begriff zu lernen, was Hilflo­sigkeit bedeutete.

Hinzu kam, dass meine Schwester Fieber bekam. Ich hatte Husten, die Eltern sprachen mit rauer Stimme. Unsere Kleidung war zwar halbwegs wetter­an­ge­passt, hatte aber während der Reisetage stark gelitten. Medizin gab es nicht. Ich weiß nicht mehr, was meine Eltern mit uns, ihren kranken Kindern, machten, was sie veran­stal­teten, um unser Leid zu lindern. Ich litt unter hunger­be­dingten Magen­schmerzen so sehr, dass ich den Husten vergaß.

Und dann gab es da noch ein Problem: es waren noch zwei Tage bis zum Heiligen Abend. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie das Christkind uns finden sollte, da wir doch jede Nacht in einem anderen Unter­schlupf verbrachten. Und ich mochte auch nicht daran denken, was dem Christkind wohl durch den Kopf ging, wenn es vor unserer armse­ligen Behausung stand. Musste es nicht beim Anblick der Baracken und Bretter­ver­schläge Reißaus nehmen? Wo sollte es das Geschenk für mich ablegen? Gab es überhaupt ein Geschenk für mich?

An diesem Abend passierte etwas Unglaub­liches: in einem kleinen Ort hatten meine Eltern das Rathaus aufge­sucht, so wie wir es in den letzten Tagen immer gemacht hatten. Ich war in der angewärmten Dienst­stube gemeinsam mit meiner Schwester einge­schlafen. Ich wachte auf, weil mir kalt war und ich mit dem Kinn gegen Vaters Kopf stieß. Er hatte mich Huckepack genommen und keuchte, weil er ganz weite Schritte machte. Mutter rannte neben ihm, sie konnte das Tempo kaum mitgehen, weil sie den Kinder­wagen mit meiner schrei­enden Schwester zog. Und dann lief da noch ein Mann in Uniform mit uns. Er war Polizist. Ich bekam einen gewal­tigen Schreck, weil ich mir nicht in Ansätzen ausmalen konnte, was denn geschehen war. Als aber der Polizist mehrfach stöhnte, dass diese Eile nicht geboten sei, verstand ich, dass er uns nicht an den Kragen wollte.

Wir hielten an einem kleinen alten und ziemlich herun­ter­ge­kom­menen Haus an und warteten vor der Garten­pforte. Der Polizist klopfte an die Haustür. Niemand erschien. Auch nach mehrfachem und eigentlich unüber­hör­barem Klopfen öffnete niemand die Tür.

Erst als er kräftig gegen die Tür trat, einen Namen rief und dann ankün­digte, in jedem Fall bald wieder­zu­kommen, erschien eine ältere Dame in der Tür und erklärte ein wenig verlegen, dass sie schon geschlafen habe. Der Polizist sprach sie auf ein freies Zimmer an. Ich konnte hören, dass kein Zimmer frei war. Der Polizist erwähnte irgend­welche Unter­lagen, die auf dem Rathaus lägen. Die alte Dame erwiderte, dass sie zu alt sei, um sich um Fremde zu kümmern. Auch habe sie selbst nicht genug zu essen und das Feuerholz sei auch aufge­braucht. Der Polizist schob sie mit sanfter Gewalt beiseite und winkte uns, ihm zu folgen.

So wurde zwei Tage vor Weihnachten ein Zimmer im Oberge­schoss für längere Zeit unser neues Domizil. Die Eltern meinten, das sei das schönste Weihnachts­ge­schenk für uns alle, das sie sich überhaupt vorstellen könnten. Ich hatte hinsichtlich des Weihnachts­ge­schenks gewisse Bedenken. War damit Weihnachten vorbei? Nein. Der Heilige Abend kam und brachte bittere Kälte mit sich. Zwischen die vereisten Fenster hatten wir alte Zeitungen gelegt. Meine Schwester schlief, mit jedem verfüg­baren Stoff­stück dick einge­mummelt, in dem einzigen im Raum befind­lichen Bett. Vater kramte einen Kerzen­stummel hervor, stellte die Kerze auf einen Teller und den Teller auf drei aufein­an­der­ge­sta­pelte Bücher. Dann zündete er die Kerze an und sagte: „Das ist unser Weihnachtsbaum”.

Mutter begann leise „Oh Tannenbaum“ zu singen. Vater spürte, dass ich unruhig wurde und sagte: „Vor der Bescherung muss doch erst einmal das Christkind kommen“. Das leuchtete mir ein und so begann er, die Weihnachts­ge­schichte zu erzählen und als er an die Stelle kam, an der es heißt, dass es sonst keinen Raum in der Herberge gab, sah ich, dass Mutter Tränen in den Augen hatte. Kaum hatte Vater seine Erzählung beendet, da sagte Mutter: „Lass uns das Christkind bitten, dass wir nicht auch noch bis nach Ägypten fliehen müssen!“

Alles wird gut!“, antwortete Vater, nahm sie in den Arm und sagte zu mir: „Jetzt darfst du!“ Es gab also doch ein Christkind. Unter dem Weihnachtsbaum lag eine Flöte. Mein Vater hatte sie heimlich in den letzten Tagen aus einer Hasel­nussrute geschnitzt. Wenn man das Mittel­stück verschob, brachte die Flöte mehrere Töne zustande. Neben der Flöte aber lag ein Wollknäuel, ein Wollknäuel, das Papier und Stoff­reste zu einem statt­lichen Fußball geformt hatte. Mutter hatte das Knäuel bei der Abreise gegriffen und im Kinder­wagen als Schmu­se­kissen für meine Schwester hinter sich herge­zogen. Ein kleines Stück einer Tafel Schokolade, liebevoll in weißes Papier gehüllt, steckte in der Wolle. Und ebenfalls aus weißem Papier rollten die Eltern ein gutes Stück eines Brotlaibes. Ich strahlte vor Glück.

Später brachte Frau von Werne einen kleinen Kuchen. Es war bereits ein Geruch durch das Haus gezogen, der Nase und Magen quasi gequält hatte. In die Mitte des Kuchens hatte sie eine kleine Kerze gestellt, deren Licht wie ein Stern über den Kuchen flackerte.

Ich hatte uns immer ein wenig für Weihnachten zurück­gelegt. Aber jetzt gibt es niemanden mehr von meiner Familie“, sagte sie und goss uns aus einer blechernen Milch­kanne heißen Holun­dertee in einen Becher. Ich mag keinen Holunder. Aber dieser Tee war überir­disch lecker, auch wenn wir uns alle die Zunge verbrannten.

Meine Eltern sahen sich an und hielten sich bei den Händen, ich hielt meinen Fußball im Arm und dankte dem Christkind dafür, Frau von Werne hielt einen Becher heißen Holun­dertee in der Hand und konnte die eine oder andere Träne nicht unter­drücken. Und meine Schwester? Sie hielt ihren wohlver­dienten Schlaf in der Heiligen Nacht des Jahres 1945, unserer ersten Weihnacht in Deutschland.

Grelles Decken­licht riss mich jäh in die Gegenwart zurück. Meine Schwester war soeben bei uns angekommen. Ihre zwei Jungen hatten sich für einen kurzen Moment von ihren elektro­ni­schen Spiel­ge­räten getrennt und krallten sich an meine Hosen­beine.

Es schneit! Es schneit! Sieh mal aus dem Fenster!“ Von den Passanten auf der Straße war nichts mehr zu sehen. Die ersten Schnee­flocken auf der Scheibe wandelten sich blitz­schnell zu kleinen Tropfen und liefen wie Tränen die Scheibe hinab. Ich nahm meine Schwester in den Arm und sagte:

Schön, dass ihr da seid! Ich will noch schnell mit dem Wagen durch die Wasch­anlage fahren. Der Stern soll zu Weihnachten doch strahlen! Und dann lasst uns etwas essen!“

Sie lachte.

[ von Tomasz Owczarz ]

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