Mensch & Kirche

Appelle für mehr Toleranz und Respekt

In der Wormser Dreifaltigkeits­kirche wurde das Themenjahr „Refor­mation und Toleranz” der Luther­dekade eröffnet. Der sächsische Landes­bi­schof und stell­ver­tre­tende Vorsit­zende des Rates der Evange­li­schen Kirche (EKD), Jochen Bohl, sagte, die Kirchen seien heute mehr denn je heraus­ge­fordert, „inter­re­li­giöse Toleranz” zu üben.

Die Gesell­schaft erwarte zurecht eine „Vorrei­ter­rolle” der Religionen mit Blick auf ein „fried­liches und gerechtes Mitein­ander”, sagte er am Refor­ma­ti­onstag in Worms. Indes ging der Landes­bi­schof auch selbst­kri­tisch auf die Rolle der refor­ma­to­ri­schen Kirchen ein. Diese seien zunächst verfolgt und bedroht gewesen, im Laufe der Geschichte seien aber auch sie selbst zur Verfol­ge­rinnen anderer Überzeu­gungen geworden, sagte Bohl. „Der Weg zum heutigen Verständnis von Religi­ons­freiheit war lang und musste teilweise gegen den Wider­stand der Kirchen erkämpft werden”, sagte er. Auf der anderen Seite dürfe nicht übersehen werden, dass die Ideale der Aufklärung sich auch aus bibli­schen Quellen speisten.

Bei der Luther­dekade handelt es sich um eine Veran­stal­tungs­reihe, die 2008 begann und auf den 500. Jahrestag des Thesen­an­schlags von Martin Luther 2017 zielt. An dem Gottes­dienst und dem Festakt in Worms nahmen neben Landes­bi­schof Bohl auch EKD-Botschaf­terin Margot Käßmann, der Mainzer Kardinal Karl Lehmann und Minis­ter­prä­sident Kurt Beck (SPD) sowie Bundes­in­nen­mi­nister Hans Peter Friedrich (CDU) teil.

Richtig verstandene Toleranz

Der Innen­mi­nister warb für Offenheit und Toleranz und sagte, nur wer den Fremden kennen­lernen und verstehen wolle, nur wer sich ihm zuwende und sich um ihn bemühe, handle wirklich tolerant. Auf der anderen Seite wies er aber auch auf Grenzen der Toleranz hin, etwa im Fall von Zwangsehen oder wen medizi­nische Hilfe für Angehörige verweigert wird. Dies dürfe in einer freiheitlich toleranten Gesell­schaft nicht geduldet werden. Eine solche Gesell­schaft müsse viel mehr das Recht für sich beanspruchen, „die Intoleranz nicht zu tolerieren”, sagte Friedrich. Die Würde des Menschen sei der „Dreh- und Angel­punkt der deutschen Verfassung”.

Die Kirchen seien heute mehr denn je heraus­ge­fordert, „inter­re­li­giöse Toleranz” zu üben.

Die Botschaf­terin des Rates der EKD für das Refor­ma­ti­ons­ju­biläum 2017, Margot Käßmann, betonte in ihrer Predigt, dass der „Gedanke der Freiheit” für die Kirche der Refor­mation von „zentraler Bedeutung” sei. Richtig verstandene Freiheit sei stets auf die Gemein­schaft bezogen. Auch die frühere EKD-Ratsvor­sit­zende warb für Toleranz. So bedeute Toleranz, „Interesse am anderen, am Gegenüber, etwa an der anderen Religion oder auch am Nicht-Glauben”. Minis­ter­prä­sident Kurt Beck (SPD) sagte in seinem Grußwort, in einer zunehmend konflikt­reicher werdenden Welt seien gerade Christen im Umgang unter­ein­ander und mit den Menschen anderer Glaubens­be­kennt­nisse und Weltan­schau­ungen aufge­fordert, „Beispiele gelebter Toleranz zu geben”. Die Stadt Worms sei als Ort für die Eröff­nungs­feier zum Themenjahr „Refor­mation und Toleranz” besonders gut geeignet. Dies nicht zuletzt, da bei den Religi­ons­ge­sprächen der Jahre 1541 und 1557 schon Katho­liken und Protes­tanten in Worms gemeinsam nach einem Konsens in der kirch­lichen Lehre gesucht hätten.

Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann sagte, Luther sei es wichtig gewesen, dass Glauben sich nicht erzwingen lasse. „Jede Gewalt um des Glaubens willen lehnte er ab”. Indes sei der Refor­mator auch von der inneren Notwen­digkeit „einer unein­ge­schränkten kirch­lichen und glaubens­mä­ßigen Einheit­lichkeit” überzeugt gewesen. Dies habe ihn mit dem „alten” Denken verbunden.

Quelle: Die Welt

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