Mensch & Kirche

Augenmerk auf den Menschen, nicht auf die Religion

Am 2. Juni 2015 besuchte Hamed Abdel-Samad den Evange­li­schen Arbeits­kreis, hielt einen einlei­tenden Vortrag und stellte sich anschließend für rund 90 Minuten den Fragen des Audito­riums.

In seinem Vortrag zeichnete er die Entwicklung des Islams von seinen Anfängen bis zur Gegenwart nach. Hierbei wies er unter anderem darauf hin, dass bereits in der Entste­hungs­ge­schichte von Chris­tentum und Islam ein wesent­licher Unter­schied besteht: das Chris­tentum war in seiner Anfangszeit (bis ca. 300 n. Chr.) die Religion einer Minderheit und wurde erst zur Zeit Konstantins zur Staats­re­ligion. In dieser Zeit konnte sich das Chris­tentum „säkula­ri­sieren“.

Urzustand des Islams

Im Gegensatz dazu war der Islam vom ersten Tag an politisch geprägt, da Mohammed weltlicher und religiöser Herrscher in einem war. Für Abdel-Samad sind eben diese Anfangs­jahre des Islams und damit die enge Verbindung von Politik und Religion der Grund für die gravie­renden Schwie­rig­keiten des Islams in der Gegenwart. Immer wieder versuchen musli­mische Staats­ober­häupter, diesen „Urzustand des Islams“ auch in der Neuzeit durch­zu­setzen.

Bereits in seinem Vortrag, aber auch bei der Beant­wortung der Fragen aus dem Publikum wies er wiederholt darauf hin, dass für ihn die Unter­scheidung zwischen Islam und Islamismus nicht so entscheidend ist wie die Unter­scheidung zwischen Islam und Moslem. Seiner Ansicht nach ist die große Anzahl der Moslems im Hier und Heute angekommen, möchte im Berufs­leben Fuß fassen und friedlich und in Freiheit leben. Das Augenmerk müsse somit stets auf dem Menschen liegen und nicht auf der Religion.

Abdel-Samad resigniert über Islamkonferenzen

Nachdem er an mehreren Islam­kon­fe­renzen persönlich teilge­nommen hatte, resignierte Abdel-Samad über diese Insti­tution. Für ihn schaffen die islami­schen Verei­ni­gungen und die Islam­kon­fe­renzen mehr neue Probleme, als dass sie Probleme lösen. So warnte er beispiels­weise davor, dass die deutsche Gesell­schaft von einem sehr konservativen/radikalen Islam unter­laufen wird. Wenn sich Menschen musli­mi­schen Glaubens politisch engagieren, sei das absolut zu begrüßen. Wenn aber dieses politische Engagement von den Islami­schen Verei­ni­gungen gezielt organi­siert wird, um die Volks­par­teien zu unter­laufen, findet er das bedenklich.

Auf die Frage, wie er zum kürzlich ergan­genen „Kopftuchurteil“ stünde, erklärte Abdel-Samad, dass für ihn die freie Entfaltung der Persön­lichkeit (Art 2 GG) ein höheres Grund­recht darstellt als die freie Religi­ons­aus­übung, was ja auch der Syste­matik des Grund­ge­setzes entspricht. Wenn jedoch ein Kind von klein auf dazu gedrängt wird, ein Kopftuch zu tragen, ist es für ihn fraglich, inwieweit das Kind sich noch frei entfalten kann.

Im Übrigen wird das Kind durch das Tragen des Kopftuches zu einem Sexual­objekt stili­siert, was er nicht für gut heißt.

Die Frage, was man gegen die Radika­li­sierung von jungen Menschen machen könne, sei nicht einheitlich zu beant­worten. Man muss hier zweifellos zwischen der Radika­li­sierung von jungen Männern und von jungen Frauen unter­scheiden. Seiner Meinung nach ist die Radika­li­sierung junger Männer eine schlichte Form des Aufbe­gehrens, vergleichbar mit früheren Protest­ak­tionen, wenn man etwa ein Che Guevara-T-Shirt getragen habe. In diesem Fall ist es die Mindest­aufgabe der Gesell­schaft, immer wieder mit diesen Menschen ins Gespräch zu kommen und sie nicht fallen zu lassen. Die Radika­li­sierung von jungen Frauen sei bislang nicht wissen­schaftlich unter­sucht worden. Hier ist die Erklärung schwie­riger, vermutlich resul­tiert sie häufig aus Liebe und Verbun­denheit zu einem Mann, der sich einem radikalen Islam angeschlossen hat.

[ Carola Napieralla ]

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