Erkundungen

Christus in der Kelter

Wir hatten beide den gleichen Gedanken: vor Jahren hatten wir in einem kleinen Gasthof in Südtirol Quartier bezogen. Meiner Frau und mir hatte man das Zimmer im zweiten Stock zugewiesen, Bruder und Frau schliefen mit dem kleinen Neffen Christian im ersten Stock.

Am frühen Morgen durfte der Kleine uns wecken und stürmte freudig die Stufen der breiten Treppe zu uns empor. Auf dem Treppen­podest in der Mitte der Treppe blieb er abrupt stehen, klammerte sich an das Treppen­ge­länder und tat keinen Schritt mehr nach vorn. Nach reiflicher Überlegung entschied er sich für den Rückzug.

Was war geschehen? Der kleine Mann hatte vor sich beim Hochlaufen auf der Treppe an der Wand des Treppen­po­destes den dort postierten überle­bens­großen Christus am Kreuz entdeckt. Das Gesicht, die Wunden an Händen, Füßen, Brust und Kopf mussten den Kleinen bis ins Innerste getroffen und bestürzt haben. Ein Vorbei­sch­leichen bot sich unter den gegebenen Umständen nicht an.

Das Blut schoß in Strömen

Jahre später nun erging es mir und meiner Frau ähnlich. Wir genossen ein paar schöne Tage an der Mosel und hatten uns bei strah­lender Sonne entschieden, aus dem schönen Ort Ediger-Eller zur Kreuz­ka­pelle hinauf­zu­laufen, was sich schon allein wegen der schönen Aussicht lohnen sollte, wie man uns berichtet hatte. Außerdem hatte die Erwähnung eines angeblich berühmten Stein­re­liefs mit dem Namen „Christus in der Kelter“ unsere Neugier geweckt. Wie sich ein derar­tiges Geschehen darstellen sollte, überstieg unsere Vorstel­lungs­kraft und hatte uns so neugierig gemacht, dass wir den für unser Alter schon mühsamen Aufstieg über den histo­ri­schen Kreuzweg nicht scheuten.

Wir standen also vor dem Stein­relief und waren erschrocken. Trotz seiner geringen Größe – das Relief war etwa so hoch und breit wie ein Unterarm – ließ uns das steinerne Bild in seiner Ausdrucks­kraft erstaunen und schaudern: der mit gespreizten Armen und gebeugt stehende Christus trug das Kreuz auf dem Rücken und wurde durch die auf das Kreuz gesetzte Spindel der Kelter, deren Spindel­kreuz offen­sichtlich gedreht worden war, gebeugt und regel­recht ausge­quetscht. Das Blut schoß in Strömen aus den Wunden an Brust, Händen und Füßen und sammelte sich im Becken der Kelter.

Wir fühlten, wie Schreck und Unver­ständnis damals den kleinen Christian gepackt haben mussten. Uns ging es, wie gesagt, recht ähnlich. Auch wir waren erschrocken und verstanden den Schöpfer des Kunst­werks nicht. Was mag ihn, den Künstler des 16. Jahrhun­derts, bewegt haben, den ohnehin schon Geplagten in seinem Leid auch noch dem Druck der Kelter auszu­setzen? Wir suchten eine Erklärung und fanden sie in den örtlichen Gegeben­heiten. Zur Mosel gehört nun einmal – und das schon seit Jahrhun­derten – der Weinanbau. Doch recht­fer­tigte der Traum vom Wein das Bildnis oder gar die Plage mit der Kelter? Wir waren uns einig, dass das nicht der Fall war.

Die Intention der Künstlers

Ein genaueres Studium des Bildes rückte die Texte auf dem Kelter­ge­stell sowie der Relief­um­rahmung in den Blick­punkt der Erklä­rungs­suche. Eine seitlich angebrachte Begleit­tafel half bei der Übersetzung und neben etlichen anderen Zitaten aus der Bibel wurde der Leser auf den Propheten Jesaja aufmerksam gemacht:

Warum ist rot dein Gewand und sind deine Kleider wie die eines Kelterers? (Jes. 63,2) Die Kelter trat ich allein und niemand von den Völkern half mir. (Jes. 63,3)

Nun wurde langsam deutlich, welche Intention der Künstler mit seinem Bildnis von Christus in der Kelter hatte. Dies veran­schau­lichen die Folge­verse bei Jesaja, die keinen Platz als Zitat mehr gefunden haben:

Da zertrat ich sie voll Zorn, zerstampfte sie in meinem Grimm. Ihr Blut spritzte auf mein Gewand und befleckte meine Kleider. Denn ein Tag der Rache lag mir im Sinn Und das Jahr der Erlösung war gekommen.

Das kleine Bild mahnte vor dem großen Gericht. Wir zollten dem Künstler ehrfurchtsvoll Respekt. Ohne Hilfe, stellten wir fest, wäre uns die Botschaft des Kunst­werkes verschlossen geblieben. So ähnlich ist es sicher seinerzeit dem kleinen Neffen vor der Chris­tus­figur ergangen.

Der Abstieg von der Kreuz­ka­pelle bot ausrei­chend Gelegenheit zum Nachdenken und Disku­tieren. Das Bild vom Schmer­zensmann hatte sich in uns festge­setzt. Und gleich­zeitig bohrte etwas in uns und ließ uns grübeln. Wenn schon der Prophet sieben­hundert Jahre vor Christus und der Künstler im 16. Jahrhundert das von Christus vergossene Blut in ein Bildnis mit der Kelter setzen, dann kann das Keltern von Wein nicht vom Bösen sein. Die Trauben müssen zerquetscht werden, um aus ihnen den „Wein, der das Herz des Menschen erfreut“ ( Ps. 104,15 ) zu machen. Folge­richtig finden wir in der Bibel auch kein Verbot, Wein zu trinken.

Diese Erkenntnis erleich­terte uns den Weg in eine Weinstube am Ufer der Mosel. Einen solchen Ausgang hatte der Tag verdient. Wir wählten ein Engels­tröpfchen aus Ediger-Eller. Vor dem zweiten Glas warnte ich meine Frau: „Wer Wein und Salböl liebt, wird nicht reich“ ( Spr. 21,17 ). Nach dem zweiten Glas warnte mich meine Frau: „Besser arm, als reich an Noahs Erfahrung“. Und damit spielte sie auf die erste von weit über einhundert Fundstellen in der Bibel ( Gen. 9, 21* ) an, in denen von Wein gesprochen wird.

[ Tomasz Owczarz ]

Das könnte auch interessant sein

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.