Erkundungen, Kultur

Das Ende der Welt

Die Maya wussten es bereits. Auch den Hopi-Indianern war es bekannt. Natürlich hat auch Nostradamus darauf hinge­wiesen: Das Ende der Welt steht kurz bevor. Der Gedanke an den kurz bevor­ste­henden Weltun­tergang ist dem Chris­tentum nicht fremd.

Der Gedanke an den kurz bevor­ste­henden Weltun­tergang ist dem Chris­tentum nicht fremd. Die Urchristen, also die Zeitge­nossen von Jesus Christus, gingen ebenfalls davon aus, dass die Welt in Kürze nicht mehr sein werde. Zugleich wurden sie von der Hoffnung auf das bevor­ste­hende Gottes­reich erfüllt. Die Urchristen zogen aus dieser Situation den Schluss, dass es sich nicht lohne, sich mit der Politik zu beschäf­tigen. Dies belegen einige Stellen des Neuen Testa­ments.

Die vordringliche Pflichterfüllung
gebührt also Gott

Die Erzählung vom Zinsgro­schen in Markus 12, 13–17 ist chrono­lo­gisch betrachtet der erste Hinweis, wie ein Christ sich gegenüber dem Staat (damals: Kaiser) verhalten soll. Jesus wird von Phari­säern und Anhängern des Herodes gefragt, ob es denn auf Gottes Weg erlaubt sei, Steuern zu zahlen oder nicht. Sie wollten Jesus mit dieser Frage eine Falle stellen: Hätte er sich gegen die Steuer­pflicht ausge­sprochen, hätte er offen gegen den Kaiser rebel­liert, hätte er sich für die Steuer­pflicht ausge­sprochen, so würde er sich die streng-gläubigen Juden zum Feind machen. Jesus jedoch beant­wortet diese Frage mit einem zweitei­ligen Satz: „So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört.“ Die vorge­spielte Frömmigkeit der Frage­steller konter­ka­riert Jesus also, indem er die gestellte Frage nicht nur beant­wortet (Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört), sondern zugleich auf die Pflicht gegenüber Gott hinweist.

In welchem Verhältnis Gott und Kaiser stehen, lässt sich dieser Textstelle nicht sofort entnehmen. Verschiedene Inter­pre­ta­tionen sind möglich. Berück­sichtigt man jedoch, dass Jesus und seine Jünger die Gegenwart nur als eine Übergangs­epoche verstanden, die direkt in das kommende Gottes­reich mündet, scheint das Verhältnis eindeutig zu sein: Die Pflicht­er­füllung gegenüber dem Kaiser ist nicht bedeu­tungsvoll, denn sie ist nur noch eine Frage der Zeit. Im Gottes­reich gibt es keinen Kaiser, keinen Geldhandel und auch keine Steuer mehr. Die vordring­liche Pflicht­er­füllung gebührt also Gott.

Staatliche Gewalt „von Gott gewollt“?

Auch Paulus hat sich zu der Frage nach dem Verhältnis von Chris­tentum und Staat geäußert. In seinem Brief an die Römer beschäf­tigen sich die Verse 13, 1 bis 7 mit dieser Frage. In seinem einlei­tenden Satz erklärt er, dass jeder den Trägern der staat­lichen Gewalt den schul­digen Gehorsam leisten solle. Auffallend an dieser Auffor­derung sind zwei Aspekte: Zum einen richtet sie sich nicht nur an die Christen sondern an jedermann, also auch an Juden und Heiden. Zum anderen nennt sie keine Einschränkung hinsichtlich der Qualität der staat­lichen Gewalt, etwa derart, dass nur der moralisch ausge­übten oder der gottge­fäl­ligen staat­lichen Gewalt Gehorsam geschuldet wird.

Der Forderung nach unbedingter Loyalität gegenüber staat­licher Gewalt ist keineswegs eine typisch christ­liche Einstellung, sondern hat eine lange Tradition in der antiken Philo­sophie. Auch die weiteren Ausfüh­rungen des Paulus, wonach es keine staat­liche Gewalt gibt, die nicht von Gott ist, ist keine typisch christ­liche Denkweise, sondern hat ihre Wurzeln bereits in der jüdisch-helle­nis­ti­schen Gedan­kenwelt.

Diese Legiti­mation der staat­lichen Gewalt als „von Gott gewollt“ macht jedoch verständlich, weshalb es keiner Einschränkung hinsichtlich der Qualität der Gewalt bedarf, denn es gilt:

Was von Gott ist, ist per se gut. Eine verwerf­liche, gar böse staat­liche Gewalt kann es dann nicht geben.

Die Mahnrede des Paulus in Römer 13 ist jedoch vor allem deshalb erstaunlich, weil Paulus zur Zeit des Nieder­schreibens selbst schon Opfer staat­licher Gewalt geworden war: Laut seinem Bericht im 2. Brief an die Korinther hat er bereits fünfmal von den Juden die neunund­dreißig Hiebe erhalten, ist dreimal ausge­peitscht und einmal gesteinigt worden. In der Apostel­ge­schichte wird berichtet, dass Paulus und Silas geschlagen und ins Gefängnis geworfen worden seien.

Der Staat nur eine vorübergehende Einrichtung

Dieser biogra­phische Hinter­grund führt unwei­gerlich zu der Frage, weshalb Paulus sich nicht für eine Rebellion gegen die Staats­macht ausspricht oder gar selbst zum Staats­feind wird. Verständlich wird diese Einstellung nur, wenn man sich den typisch christ­lichen Charakter der allge­meinen Forderung zur unbedingten Loyalität gegenüber dem Staat, wie Paulus ihn in Römer 13 formu­liert, vor Augen führt: Wie in der Erzählung über den Zinsgro­schen muss auch bei Paulus die Voraus­setzung, dass der Staat nur eine vorüber­ge­hende Einrichtung ist, einbe­zogen werden. In Römer 13, 11 stellt Paulus klar, dass das Gottes­reich kurz bevor­steht. Für Paulus steht es den Menschen nicht zu, das Gottes­reich selbst herbei­zu­führen, indem sie gegen den Staat Stellung beziehen. Es ist Gottes Aufgabe, den richtigen Zeitpunkt für das Gottes­reich zu bestimmen. Ein guter Christ darf Gottes Walten nicht vorgreifen!

Gut 150 Jahre n. Chr. nimmt Justin die Erzählung vom Zinsgro­schen wieder auf, gibt sie jedoch mit einer anderen Schwer­punkt­setzung wieder. Die Frage wird ganz allgemein gestellt: Muss man dem Caesar Steuern zahlen? Justin betont in seiner Darstellung des Ereig­nisses, dass man selbst­ver­ständlich Gott anbeten müsse; zugleich wird die Erfüllung der Staats­pflichten zu einer wichtigen Aufgabe eines Christen. Für Justin ist der Übergangs­cha­rakter der Zeit nicht mehr relevant. Das Gottes­reich wird zwar weiterhin erwartet, aber es steht für ihn nicht mehr kurz bevor. Die christ­liche Pflicht der Loyalität gegenüber dem Staat steht für Justin im Vorder­grund.

Und heute? Nach den Vorher­sagen der Maya, der Hopi, von Nostradamus und anderen steht für uns am 21. Dezember 2012 das Ende der Welt bevor. Insofern haben wir also die gleiche Ausgangs­si­tuation wie die Urchristen vor gut 2000 Jahren. Als Lehre aus den Textstellen des Neuen Testa­ments könnten wir uns zurück­lehnen und uns einem gewissen Fatalismus hingeben: Unser Treiben auf Erden verliert an Bedeutung. Was kommt, das kommt.

Besserung auf Erden?

Doch wenn wir ehrlich sind, glaubt so gut wie keiner an das bevor­ste­hende Ende. Wir nehmen zwar mit Entsetzen wahr, dass sich die Welt verändert. Natur­ka­ta­strophen sind keine Seltenheit mehr. Stürme, Überschwem­mungen, Erdbeben erschüttern unseren Kosmos. Auch die politische Situation rund um Europa ist fragil. Dennoch ist nicht vorstellbar, dass am 21. Dezember 2012 die Welt wirklich untergeht. Und an ein nahendes Gottes­reich glauben noch weniger Menschen.

Wenn es aber am 21. Dezember 2012 nicht zu dem prophe­zeiten Ende der Weltge­schichte kommen sollte, stellt sich dennoch die Frage, ob dieser Tag spurlos an uns vorbeigeht. Vielleicht steht nicht das Gottes­reich kurz bevor, aber vielleicht gehen wir jeden­falls einer Epoche entgegen, die Besserung auf Erden verspricht.

  • Einer Zeit, in der wir die bishe­rigen Mahnungen von
    Mutter Natur verstanden haben und unsere Erde mehr schützen
    und respek­tieren, als wir es bislang getan haben
  • Einer Zeit, in der wir wieder ein Mitein­ander leben,
    statt uns gegen­seitig das Leben schwer zu machen
  • Einer Zeit, in der wir uns gegen­seitig die Hand reichen,
    statt uns mit Fußtritten umzubringen

Der 21. Dezember 2012 wäre für ein derar­tiges Umdenken ein schönes Datum, mitten in der Weihnachtszeit und dem durch die Geburt Jesu Christi bezeugten Neuanfang.

[ Carola Napieralla ]

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