Kultur, Mensch & Kirche

Die Leibesfülle des feisten Doktors

Luther war physisch äußerst stattlich. Seine Leibes­fülle spiegelte sich aber nicht nur in seinen somati­schen Tisch­reden, sie beein­druckte selbst die anti-refor­ma­to­rische Polemik. Den religiösen Charis­ma­tiker, gar den Heiligen stellen wir uns als einen asketi­schen Menschen vor. Martin Luther war eine Ausnahme.

1524 zeichnete ihn Lucas Cranach noch als knochigen Mönch, spätestens ab 1529 – da war Luther sechs­und­vierzig – erscheint er auf zeitge­nös­si­schen Bildern sehr wohlge­nährt. Das war keine „kultu­relle Konstruktion des Körpers“, es entsprach histo­ri­schen Tatsachen. Auf dem Augsburger Reichstag 1530 war notiert worden, der Mann habe an Umfang deutlich zugenommen.

Die in Oxford lehrende austra­lische Histo­ri­kerin Lyndal Roper ist in einer kleinen, lehrreichen Studie der Frage nachge­gangen, welche symbo­lische Bedeutung Luthers Leibes­fülle im damaligen religiösen Kontext hatte (Der feiste Doktor. Luther, sein Körper und seine Biographen, Göttingen 2012). Denn Luthers Gewicht passte zu dem, was er reprä­sen­tierte: den dem Mönchstum entlau­fenen, der Welt zugewandten, verhei­ra­teten Kirchenmann. Man konnte ihn ebenfalls leibes­mäch­tigen Herrschern gegen­über­stellen oder mit dem ausge­mer­gelten Gelehrten Melan­chthon vergleichen; beide Male teilte der dicke Mann Luther Volks­tüm­lichkeit mit.

Luthers Kampf mit dem Teufel war komisch

Wer – angeblich – gesagt hatte, hier stehe er und könne nicht anders, zu dem passte eine Stand­fes­tigkeit, die sich nicht so leicht wegtragen ließ. Solche Bilder Luthers, die der Werkstatt Cranachs entsprangen, wurden damals wie Poster gehandelt und hingen in vielen frommen Häusern. Selbst die antire­for­ma­to­rische Polemik, die Luther durchaus als Schwein, sexuell ungezügelt und dem Bier zugetan darstellte, zeigte sich von seiner physi­schen Statt­lichkeit und den Konno­ta­tionen des Väter­lichen, Mächtigen, Groben beein­druckt und verzichtete darauf, über seine monumentale Gestalt zu spotten. Als nach Luthers Tod seine „Tisch­reden“ heraus­kamen, setzte sich vollends das Bild des derben, expres­siven, somati­schen Redners durch.

Vor allem an Luthers ständiger Bezug­nahme auf den Teufel entdeckt Roper diese Züge wieder. Sein Kampf mit dem Satan sei „zwar kosmisch, aber auch komisch“, von grobem Humor aus dem Motiv­be­reich der Verdauung geprägt gewesen. Aus seiner Analrhe­torik haben Psycho­ana­ly­tiker später den Schlüssel zur Person gemacht, dabei aller­dings nicht nur manches Trauma Luthers erfunden, für das es keine Belege gibt, sondern auch ignoriert, dass Luther für Verdrän­gungs­dia­gnosen kein geeig­netes Subjekt ist. Er war nicht sehr implizit. Wer sich von Melan­cholie oder vom Teufel bedroht sah, dem empfahl Luther Essen, Trinken und Gedanken an Mädchen, Scherzen und Sündigen. Der Teufel, so Roper, sei keine „verschobene Materia­li­sierung“ der Komplexe Luthers, vielmehr rede Luther über den Teufel wie die Exkre­mente völlig ungehemmt. Noch sein Festhalten an der Realpräsenz der Eucha­ristie, die ihn von der Essen­zen­lehre der Katho­liken wie der Zeichen­lehre Zwinglis trennte, dokumen­tiere sein Desin­teresse, Physi­sches abzuwerten oder transzen­dieren zu wollen. „Wiltu aber den leib darumb verwerffen, das er rotztet, eitert und unrein machet, so stich dir selb den Hals abe.“ Oder theolo­gi­scher: „Das Wort sagt, dass Christus einen Körper hat. Das glaube ich“, wie es im Marburger Religi­ons­ge­spräch von 1529 hieß.

Quelle: FAZ

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