Kultur, Mensch & Kirche

Die Tischreden Martin Luthers

Essenszeit im Hause Martin Luther. Um seinen Tisch versammeln sich nicht nur seine Familien-Angehö­rigen wie seine Frau Katharina, die Kinder, die Nichten und andere Verwandte sondern auch Studenten, Freunde, Reisende und Schüler, die gerade im Hause zu Gast sind.

Die Stimmung zu Tisch ist gelöst. Statt zu schweigen, wie es für Martin Luthers während seiner Mönchszeit üblich war, leitet er häufig kurz nach Beginn des Essens in ein lebhaftes Gespräch über. Die Gesprächs­in­halte kennen keine Tabus. Alles, was am Tag vorge­fallen war, kann hier besprochen werden. Aber selbst­ver­ständlich sind es meistens theolo­gische oder kirch­liche Themen, die erörtert werden, zum Beispiel indem Martin Luther Ergän­zungen zu seinen Schriften oder Predigten liefert.

Cordatus beginnt systematisch mitzuschreiben

Die Gespräche verlaufen zumeist in lebhafter Diskussion. Ein reger Gedan­ken­aus­tausch entwi­ckelt sich. Manchmal hält Martin Luther aber auch eine längere Rede, die er zwar nicht als solche konzi­piert hatte, die sich aber als Folge seiner spontanen Überle­gungen und Gedanken ergibt.

Nicht selten kommt es vor, dass ein Teilnehmer dieser Tisch­ge­spräche ein paar Stich­worte notiert, um sich später besser an die Worte des verehrten Professors erinnern zu können. Aber erst der Zwickauer Pfarrer Konrad Cordatus, der ab Sommer 1531 für längere Zeit als Logiergast im Hause Luther verweilt, fasst Mut und beginnt, die Tisch­reden Martin Luthers syste­ma­tisch bereits während des Essens mitzu­schreiben.

Seinem Beispiel folgen schon bald auch andere Gäste. Ein jeder notiert, was ihm wichtig erscheint. Der eine schreibt wörtlich mit, der andere kritzelt in einem beson­deren Schnell­schreib­system die wichtigsten Punkte nieder, wieder einer fasst das Gehörte in der unter Akade­mikern gebräuch­lichen Sprache Latein zusammen, oder aber er notiert sich die in Latein gespro­chenen Worte Martin Luthers in seiner Landes­sprache. Egal wie, jeder versucht auf seine Weise, das Gehörte dem Vergessen zu entreißen.

Tischreden wurden von Aurifaber veröffentlicht

Martin Luther duldet diese Mitschriften nicht nur von Anfang an, er motiviert später sogar seine Gäste, etwas wörtlich festzu­halten, wenn ihm ein Aspekt besonders wichtig ist. Aller­dings wird er wohl nie daran gedacht haben, dass diese Mitschriften in hunderten von Jahren als Buch veröf­fent­licht werden.

In der Zeit von 1531 bis zum Tod Martin Luthers im Jahre 1546 sind zahlreiche Gespräche von den Teilnehmern festge­halten worden. Bereits ca. 20 Jahre nach Martin Luthers Tod, wurden diese Gesprächs­no­tizen gesammelt, syste­ma­ti­siert und unter dem Titel „Tisch­reden“ von Aurifaber veröf­fent­licht. Und selbst heute existiert noch eine Ausgabe der Tisch­reden, die zuletzt von Professor Kurt Aland überar­beitet wurde und als Reclam-Ausgabe erhältlich ist.

Diese Tisch­reden beanspruchen für sich nicht, authen­tisch mit dem tatsäch­lichen Gesprächs­verlauf zu sein. Dies ist nicht möglich, da die Gespräche, wie oben bereits darge­stellt, nicht förmlich von einem Proto­kollant mitge­schrieben, sondern von unter­schied­lichen Teilnehmern auf die jeweils eigene Weise schriftlich festge­halten wurden.

Probleme in der Überlie­ferung entstehen allein dadurch, dass die unter­schied­lichen Autoren vermutlich demselben Thema unter­schied­liche Bedeu­tungen beigemessen und somit ihre Schwer­punkte in der Mitschrift unter­schiedlich gesetzt haben. Trotz aller Schwie­rig­keiten in der Überlie­ferung bieten die Tisch­reden Martin Luthers in jedem Fall inter­es­sante Einblicke in die Persön­lichkeit und das Denken Martin Luthers und sind eine hervor­ra­gende Ergänzung zu seinen Standard­werken. Auch sind sie keines­falls überholt. Ein Beispiel gefällig:

Martin Luther beklagte die erstaun­liche Stumpfheit und Undank­barkeit der Menschen, welche die Gaben und großen Wohltaten Gottes so gering­schätzen. Ehe das Neue Testament übersetzt war, wollte es jeder gern haben und lesen. Nachdem es dann übersetzt war, hielt das nur vier Wochen an, dann verlangten sie Mose. Als der übersetzt war, lasen sie ihn nur vier Wochen lang. Dann forderten sie dringend den Psalter; als der übersetzt war, erwar­teten sie anderes. So wird‚s auch mit Jesus Sirach gehen, auf dessen Übersetzung wir viel Mühe aufge­wandt haben. Alles dauert immer nur vier Wochen, danach wird etwas Neues gesucht. Dieses Verlangen nach immer Neuem ist für das Volk die Mutter aller Irrtümer.
[ Martin Luther, Tisch­reden, Reclam-Verlag, TZ 546, Seite 220 ]

Das Beispiel zeigt, dass es bei diesen Tisch­reden nicht nur um theolo­gisch zugespitzte Fachdis­kus­sionen ging, sondern auch das „normale Leben“ Einfluss nahm. Und es zeigt, dass die Aussagen Martin Luthers auch heute noch aktuell sind, erinnern sie doch an die Gegenwart. Das Streben nach stets Neuem ist wohl doch nicht nur eine Folge von iPad und iPhone sondern vielmehr im Menschen selbst begründet!

In Anlehnung an die Tradition Martin Luthers, bei Tisch anregende Gespräche zu führen, organi­siert der Evange­lische Arbeits­kreis Charlot­tenburg – Wilmersdorf eine eigene Form von „Tisch­reden“. Unter der Gesprächs­führung eines inter­es­santen Redners wird disku­tiert und zugleich gespeist. Ein Wohlgenuss für Körper und Geist.

[ Carola Napieralla ]

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