Geld darf nicht zum Gott erhoben werden

Anlässlich der letzten Jahreshaupt­versammlung des EAK Berlin-Brandenburg im letzten September hielt Wolfgang Huber eine Rede zum Thema “Gott, das Geld und die Finanzmärkte”. Seine Rede leitete er mit zwei persönlichen Anekdoten aus seiner Jugend ein. Beide betrafen seinen ersten Kontakt mit selbstverdientem Geld.

Wolfgang Huber, Bischof a.D.

In der ersten Anekdote zeigte sich das schwer erarbeitete Geld als etwas Flüchtiges getreu dem Motto „wie gewonnen, so zerronnen“, während in der zweiten Anekdote das Geld als Wertanlage etwas Beständiges an sich hatte. So unterschiedlich sich Geld darstellen kann, so gleichbleibend ist doch über die Jahrtausende hinweg die allgemeine Meinung über Geld: „Dem Geld erweisen die Menschen Ehren, das Geld wird über Gott gestellt.” So zitierte Wolfgang Huber die Worte von Bertold Brecht und verwies darauf, dass auch schon Martin Luther über Geld den gleichen Inhalt ausgesagt hatte. Beide Zitate gehen zurück auf ein Wort von Jesus Christus, der sagte: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.”

Die Funktionen des Geldes
Mit der Rückbesinnung im Neuen Testament verweist Wolfgang Huber darauf, dass dem Geld heute die gleiche Funktion wie einst vor mehr als zweitausend Jahren zukommt. Belege hierfür finden sich in einem volkswirtschaftlichen Lehrbuch von heute und im Neuen Testament.

Eine von den drei Funktionen des Geld ist der Gebrauch als Recheneinheit. Im neuen Testament wird diese Funktion anhand der „anvertrauten Zentner“ vorgestellt. Der Herr vertraut seinen drei Dienern vor einer Reise sein Vermögen an, indem er dem einen fünf, dem andern zwei, dem dritten einen Zentner Silber übergibt. Als ihr Herr von der Reise zurückkehrt, hat der eine Diener fünf, der andere zwei und der letzte keinen Zentner Silber hinzugewonnen. Erfolg und Misserfolg der Diener werden also einzig anhand einer Gegenüberstellung bemessen, wie viele Zentner sie vor der Abreise und nach Ankunft ihres Herrn hatten. Das Geld dient also als Recheneinheit, um Vorher und Nachher vergleichen zu können. Die zweite Funktion ist, das Geld als Tauschmittel einzusetzen.

Geld ist für Jesus ein wichtiger Baustein im gesellschaftlichen Zusammenleben.


Das Geld erleichtert den Warenverkehr. Statt 100 Eier mitzuschleppen, um sie gegen ein Lamm eintauschen zu können, braucht man nur ein paar Münzen, um für sie die begehrte Ware zu erhalten. Im Neuen Testament findet sich für diese Funktion des Geldes als Tauschmittel kein ausdrückliches Beispiel. Jesus setzt diese Funktion aber voraus. Auch wenn Jesus seine Jünger anweist, ohne Geld auszukommen („Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben.”), will er damit keineswegs die Geldwirtschaft außer Kraft setzen. Geld ist für Jesus ein wichtiger Baustein im gesellschaftlichen Zusammenleben. Er fordert nicht, dass alle Christen ohne Geld auskommen müssen. Nur seine Jünger sollen auf Geld verzichten. Dabei ist sich Jesus bewusst, dass seine Jünger sich auf die Unterstützung anderer verlassen können, die ihrerseits mittels Geld einkaufen. Die Jünger können dadurch auf Geld verzichten.

Als dritte Funktion kommt Geld auch die Aufgabe eines Wertaufbewahrungsmittels zu. Wer mehr verdient, als er ausgibt, der hat durch das nicht ausgegebene Geld die Möglichkeit, für die Zukunft Rücklagen zu schaffen.

“Finanzialisierung” der Gesellschaft
Als nächstes fragte Wolfgang Huber danach, ob Geld heute religiöse Qualität zukommt und somit als Mammon verehrt wird. Diese Frage hat eine lange Tradition. Schon in der Antike wurde Geld zu Gott gemacht. Doch Wolfgang Huber zeichnete diese Tradition nicht nach, sondern widmet sich sogleich der Gegenwart: Der Digitalisierung und Liberalisierung der Finanzmärkte. Was zu Zeiten des Neuen Testaments noch nicht möglich war, aber in unserer Zeit üblich ist, ist, dass das Geld nicht mehr durch die Hände gehen muss, sondern beispielsweise mittels Überweisung auch schlicht als Datenaustausch funktionieren kann. Dies führt mittelbar dazu, dass man durch einen einzigen Knopfdruck Geld ausgibt und verdient.

Dabei hat sich die Bannbreite der Verdienstmöglichkeiten erweitert. Nicht nur mit Waren und Gütern wird Handel betrieben sondern gerade auch mit Chancen und Risiken, mit Hoffnungen auf Kursgewinne oder auf –verluste. Selbst – die Leerverkäufe beweisen es – mit Nichts kann man Geld machen. Auch beziehen sich die Preise heute nicht mehr zwingend auf Lieferung und Leistungen sondern auf sich selbst, auf Preise (sog. Selbstreferenzielles Marktgeschehen).

Das Geldverdienen hat sich also von der Realwirtschaft gelöst. Dabei kann die Bereitschaft, hohe Risiken einzugehen, zu hohen Gewinnen führen. Kann – denn wenn das Glück nicht hold ist, dann führt sie auch zu hohen Verlusten. Folglich sind heute auch Informationen über Geld wichtiger als das Geld selbst. Das Richtige nur einige Millisekunden vor anderen zu wissen, bedeutet per Mausklick unter Umständen hohe Gewinne. Wolfgang Huber verwies darauf, dass wir nicht nur eine Ökonomisierung der Gesellschaft sondern eine Finanzialisierung derselben erleben.

Die Berufswahl orientiert sich nicht an eigenen Neigungen und Interessen sondern an Marktlücken
und der Möglichkeit,
damit künftig Geld zu verdienen.

Die Auswirkungen des geänderten Geldverkehrs zeigen sich auch an unserem Bild vom Menschen. Statt Beständigkeit und ein Streben nach Sicherheit werden von den Bürgern Risikobereitschaft und Flexibilität erwartet. Statt mit „Händearbeit“ Geld zu verdienen (Kapital und Arbeit) spricht man vom Humankapital. Selbst auf den privaten Lebensbereich hat sich die Finanzialisierung ausgewirkt. Familienplanung wird unter einer Kosten-Nutzen-Abwägung getroffen, die Geburt eines Kindes muss sich dem beruflichen Status anpassen, die Berufswahl orientiert sich nicht an eigenen Neigungen und Interessen sondern an Marktlücken und der Möglichkeit, damit künftig Geld zu verdienen. Selbst das Ende des Lebens wird unter einer geänderten Perspektive betrachtet. Man fragt nicht nach dem Sinn des Lebens sondern nach dem verbleibenden Nutzen. Entfällt der Nutzen, werden die Bedürfnisse nach aktiver Sterbehilfe ua. diskutiert.

Die Finanzialisierung gibt uns auch ein neues Zukunftsbild vor: Das Gottesreich auf Erden wird mit den Mitteln der Finanzmärkte aufgebaut. Statt bedrohlicher Wirtschaftszyklen stehe uns eine Epoche stetig und auf Dauer steigender Erträge bevor.

Straucheln die Märkte (man denke nur an die Lehman-Brothers-Krise), wird die Frage nach der Theodizee1 laut: Wie kann Gott es zulassen, dass den Menschen auf Erden solch Elend widerfährt? Selbst hier wird auf alt bewährtes theologisches Gedankengut zurückgegriffen. Ging Gottfried Wilhelm Leibniz noch davon aus, dass wir trotz Elend und Unglücksfällen in der besten aller möglichen von Gott geschaffenen Welten leben, so schließt man sich in der Finanzwirtschaft heute dieser Argumentation an: Das aktuelle Finanzsystem, so die Denkweise, möge zwar die eine oder andere Krise erleben, aber es sei das beste aller möglichen Systeme. Als Beleg verweist man darauf, dass sich die Wirtschaft aus allen Krisen stets wieder schnell erholt.

Gottesreich auf Erden?
So berauschend die von den Finanzmärkten versprochene Zukunft erscheinen mag, so ernüchternd ist die Realität. Wolfgang Huber zitiert in diesem Zusammenhang den Philosophen Thomas Pogge, der das Dilemma in Zahlen gefasst hat: Das Durchschnittseinkommen der Weltbevölkerung wachse zwar kontinuierlich, aber nur ein Zwanzigstel profitiere auch von diesem Wachstum. Der Rest der Bevölkerung (neunzehn Zwanzigstel!) habe immer weniger Geld zum Auskommen und zum Überleben. Die Folge sind flächendeckende Armut, Hunger, Prostitution, Menschenhandel und Tod.

Wir Menschen haben wechselseitig die Verpflichtung, Schaden von einander abzuwenden und Sorge dafür zu tragen, dass allen Menschen ein menschen-würdiges Leben möglich ist. Und, das Wichtigste: Diese Verpflichtung haben wir nicht nur gegenüber unseren Zeitgenossen sondern auch gegenüber den nachfolgenden Generationen! Auch die kommenden Generationen müssen noch ihre Bedürfnisse befriedigen können.

Doch gerade die Finanzialisierung der Gesellschaft führt zu erheblichen Gefahren, die unser Zusammenleben in seinen Fundamenten erschüttert. Eine freiheitliche Grundordnung setzt voraus, dass alle Menschen die Möglichkeit haben, von der Freiheit zu profitieren. Sie setzt aber auch voraus, dass ein jeder für die von ihm eingegangenen Risiken geradesteht, juristisch gesprochen: für etwaigen Schaden haftet! Doch die Kopplung „Risiko-Haftung-Gewinn“ ist heute aufgehoben.

Die Risiken, die eingegangen werden, werden immer größer. Sie werden sogar so groß, dass dafür keiner mehr die Haftung übernehmen kann bzw. auch nicht mehr übernehmen will. Die Risiken treffen also nicht den Verursacher sondern sie belasten die gesamte Gemeinschaft, die „notfalls“ dafür einstehen muss. Verdeutlichen kann man sich dies beispielhaft an der Bankenkrise. Verursacht von einzelnen Akteuren muss letztlich die Gemeinschaft der Steuerzahler für den Schaden zahlen.

Das gleiche Problem zeigt sich bei der Ausstattung der Rettungsschirme. Die Summen, die hier eingezahlt werden, sind für den Normalbürger nicht mehr vorstellbar. Um diese Summen aufzubringen, verschulden sich die Staaten. Wer jedoch haftet für diese Schulden? Es sind nicht die Verursacher, die diese Schulden zurückzahlen müssen, sondern die nachfolgenden Generationen, die hierfür aufkommen müssen. Auch hier fallen Verursachung und Haftung auseinander.

Um die Gefahren der Finanzialisierung zu beseitigen, ist es nicht erforderlich, das Geld gänzlich abzuschaffen. Dem Geld kamen damals wie heute die wesentlichen Funktionen zu, um ein gesellschaftliches Miteinander zu erleichtern rsp. zu ermöglichen. Vielmehr ist eine Entmythologisierung des Geldes erforderlich. Das Geld bietet keinen Weg zum Heil, es macht auch nicht glücklich, erst recht nicht, wenn man es zu Gott erhöht. Dies verdeutlicht Wolfgang Huber an dem Satz von Jesus Christus, wonach es leichter sei, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht als ein Reicher in das Reich Gottes komme. Geld ist und bleibt ein Zweck zur Erleichterung des Zahlungsverkehrs.

Es macht süchtig, insbesondere wenn man bereits über viel Geld verfügt.

Es dient dazu, sich das Nötige kaufen zu können. Viel Geld verführt zu der Vorstellung, sich alles kaufen zu können. Viel Geld verführt einige auch zu dem Glauben, sich das Glück kaufen zu können. Fromme verführt viel Geld sogar zu dem Glauben, sich das Heil kaufen zu können. Doch Geld ist und bleibt nur ein Mittel zum Zweck. Der Tagelöhner auf dem Weinberg benötigt das Geld genauso wie der Reiche, um hiervon seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber Geld macht nicht glücklich. Es darf nicht zum Gott erhoben werden. Dies belegt auch die Antwort von Jesus Christus zur Steuermünze: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und gebt Gott, was Gottes ist.“ Dies lässt sich sinngemäß auch auf die Wirtschaft übertragen: „Gebt der Wirtschaft, was der Wirtschaft ist und gebt Gott, was Gottes ist.“ Oder auch: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“

Praktische Konsequenzen laut Wolfgang Huber

1. Das Geld muss auf seine Funktion zurückgeführt werden.
2. Der Glaube, das Geld habe einen Selbstzweck, muss beendet werden.
3. Risiko und Haftung müssen wieder eine Einheit bilden.
4. Nicht nur von der Politik sondern von jedem Bürger ist verantwortliches/verantwortungsbewusstes Handeln gefordert.
Ein jeder muss wieder persönlich für sein eigenes Handeln einstehen.
Nur dann ist die freiheitliche Grundordnung wieder hergestellt,
die eine Basis für Gerechtigkeit bilden kann.

 

Carola Napieralla(Rede wurde zusammengefasst)

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