Erkundungen, Kultur

Iss mir nicht koscher

Wir alle haben diese Redewendung schon das eine oder andere Mal benutzt, um unsere Zweifel, unsere Bedenken und unser Misstrauen auszu­drücken. Doch was genau bedeutet „koscher“? Manuela Bleiberg führte uns, kompetent und mit viel Herz in die koschere jüdische Esskultur ein. Das liebevoll geführte Restaurant Bleibergs.

Manuela Bleiberg führte uns, kompetent und mit viel Herz in die koschere jüdische Esskultur ein. Das liebevoll geführte Restaurant Bleibergs in der Nürnberger Str. 45A in 10789 Berlin hat sonntags erst ab 15 Uhr geöffnet, so dass wir (14 gutge­launte und (wissens-) hungrige Teilnehmer) unter uns waren, als wir uns zum gemein­samen Mittag­essen um 12.00 Uhr dort einfanden. Auf den Tischen waren bereits die Getränke – Softdrinks und Wasser – bereit­ge­stellt. Als wir uns an die gedeckte Tafel setzten, wurden sodann auch die vorbe­rei­teten Speisen gebracht: Orien­ta­li­scher Salat (sehr klein gewür­feltes Gemüse wie Tomate, Paprika, Gurke etc.), eine große Matjes­platte, eine Schale mit einge­legten Gurken und Oliven, Möhren­salat, sog. gefüllter Fisch, Couscous, Sesam­sauce, Fladenbrot und Baguette-Scheiben, scharfe Peperoni, roter Meerrettich, später auch noch vegeta­rische Pizza, Hackbällchen ohne Hack und vieles mehr luden zum Schlemmen ein.

Doch bevor wir uns mit Herzenslust auf die Speisen stürzen konnten, erklärte uns Manuela Bleiberg die wesent­lichen Voraus­set­zungen für koscheres jüdisches Essen.

Hierbei wurde gleich zu Beginn mein Vorurteil, nämlich dass koscheres Essen einfach vegeta­ri­sches Essen sei, verworfen. In der jüdischen Esskultur gibt es die Aufteilung in fleischige (basari) und milchige (chalawi) Speisen. Beide Gattungen dürfen nicht vermengt werden, d.h. also vor allem, dass kein fleischiges Gericht mit einem milchigen zeitgleich verzehrt werden darf. In strenger Konse­quenz bedeutet diese Unter­scheidung aber auch, dass fleischige Speisen nicht in Töpfen und Pfannen zubereitet werden dürfen, in denen zuvor milchige Speisen vorbe­reitet wurden. Auch dürfen fleischige Speisen nicht mit Besteck und von Tellern verzehrt werden, auf denen zuvor bereits milchige Speisen serviert wurden. Selbst eine Säuberung des Geschirrs – wie ich zunächst dachte – reicht nicht, um die Nutzung mit der anderen Speiseart wieder zu gestatten.

Bleibergs hat sich auf milchige Speisen spezialisiert

Im Ergebnis muss also eine Küche, die sich streng an die Zubereitung koscherer Speisen hält, jeweils zwei Kochsets, zwei Geschirrs (beispiels­weise blau und weiß) und zwei Besteck­gar­ni­turen vorhalten, um die Einhaltung der koscheren Zubereitung zu gewähr­leisten. Um die Aufteilung in fleischige und milchige Speisen in letzter Konse­quenz durch­zu­halten, hat sich in der jüdischen Kultur die Nutzung von Einweg­ge­schirr durch­ge­setzt. Restau­rants, die koschere Speisen anbieten wollen, müssen entweder die Trennung minutiös umsetzen, was in stres­sigen Betrieb einer Großküche schier unmöglich sein dürfte, oder sie müssen sich auf eine Speiseart – wie das Restaurant Bleibergs auf die milchigen Speisen – spezia­li­sieren. Auch bei den fleischigen Speisen gibt es noch Unter­schei­dungen. So darf nicht jedes Tier verzehrt werden, sondern nur Tiere, die besondere Voraus­set­zungen erfüllen, nämlich zweige­spaltene Hufe haben und zugleich Wieder­käuer sind. Als Beispiel wird in der Regel auf die Kuh verwiesen, die beide Voraus­set­zungen erfüllt. Ausge­schlossen sind hingegen Schweine und Kamele. Schweine haben zwar gespaltene Hufe, sind aber nicht Wieder­käuer, während Kamele zwar Wieder­käuer sind, aber keine vollständig gespal­tenen Hufe haben. Um die Einhaltung der Vorschriften sicher­zu­stellen, gibt es in fleischigen Restau­rants einen Kontrolleur, der die Zuberei­tungs­schritte überwacht.

Nachdem unser Wissens­hunger gestillt war, gingen wir daran, auch den leiblichen Hunger zu besänf­tigen. Dank der fürsorg­lichen Vorbe­reitung von Manuela Bleiberg waren wir nach gut drei Stunden alle wohlge­nährt und glücklich. Zum Abschluss teilte sich die Gruppe auf: einige nutzten die zur Verfügung stehenden Tische vor dem Restaurant, an denen sich zwischen­zeitlich die Sonne durch­ge­setzt hatte, und tranken dort noch einen Kaffee mit koscherer Milch (Milch, die ebenfalls in einem besonders überwachten Prozess zubereitet und zerti­fi­ziert wird), die anderen verblieben auf ihren Plätzen und plauderten mit Manuela Bleiberg. Dabei bot sie Einblick in ihre persön­liche Lebens­ge­schichte, berichtete von ihrer Motivation, sich mit einem koscheren Restaurant selbständig zu machen, und erzählte von den Schwie­rig­keiten, die sie als Selbständige im Alltag zu bewäl­tigen hat.

Zum Abschluss lud sie uns herzlich ein, auch an den Festi­vi­täten, die das Restaurant Bleiberg ausstattet, teilzu­nehmen. Für mich war es ein infor­ma­tiver und zugleich erhol­samer Sonntag in einer sehr herzlichen Atmosphäre. Manuela Bleiberg wünsche ich weiterhin den erfor­der­lichen Mut und die Kraft, sich mit ihrem Lebens­traum Restaurant Bleibergs durch­zu­setzen. Gern werde ich auch die ausge­spro­chene Einladung wahrnehmen!

[ Carola Napieralla ]

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