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Mehr Pfingsten wagen

„Und Gott sprach: Es werde Licht…“ Mit diesen Worten beginnt die Schöp­fungs­ge­schichte der Bibel. In diesen Worten tritt erstmalig der Gedanke der Sprache auf, wobei Sprache hier nicht ein Mittel der Kommu­ni­kation ist, sie dient nicht dazu, dass zwei Subjekte sich mit einander verstän­digen.

Sprache ist hier ein wesent­licher Bestandteil des (Er-) Schaffens der Welt. Auf das Sprechen Gottes folgt der praktische Akt in Form des Machens, Schaffens, Trennens. Doch auch hiermit ist der Schöp­fungs­prozess noch nicht abgeschlossen. Es schließt sich nämlich noch das Benennen an, bei dem den geschaf­fenen Objekten ein Name zugeteilt wird. Hier wird Gott nur für fünf ausge­wählte Objekte, nämlich Tag, Nacht, Himmel, Erde und Meer tätig. Die Namens­gebung für alles weitere und insofern die Schaffung einer Sprache überlässt Gott dem Menschen.

Der Mensch nimmt die Welt in Besitz

Und der Mensch gab einem jeglichen Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen.“ Dabei ist beachtlich, dass die Sprache in diesem Zusam­menhang keinen schöp­fe­ri­schen Charakter mehr hat, so wie Gott sie zu Beginn nutzte. Sie hat aber auch noch keinen kommu­ni­ka­tiven Zweck, denn Eva als Gesprächs­part­nerin ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht existent. Eva wird erst in diesem Kontext „geschaffen“. Die erste Sprache dient folglich vorrangig dazu, dass der Mensch die Welt in Besitz nimmt.

Der kommu­ni­kative Aspekt der Sprache tritt erstmalig hervor, wenn die Schlage zunächst Eva und Eva dann Adam dazu verleitet, vom verbo­tenen Baum des Wissens zu naschen. Die Sprache als Kommu­ni­kation wird hier somit nicht positiv verstanden. Sie dient der Verführung zu einer verbo­tenen Tat, nämlich der Gleich­ma­chung des Menschen mit Gott. „Und Gott der Herr sprach: Siehe, Adam ist geworden wie unser­einer und weiß, was gut und böse ist.“ (Gen. 3,22). Erstaun­licher Weise bestraft Gott diese Gottan­glei­chung nicht damit, dass er dem Menschen die Sprache nimmt bzw. zumindest die Kommu­ni­kation stört. Denkbar wären beispiels­weise genera­ti­ons­über­grei­fende Taub- und Stummheit, so dass jegliche Verstän­digung erschwert ist und weitere Verfüh­rungen von vornherein unter­bunden werden. Gott straft Adam und Eva für diese verbotene Tat mit der Vertreibung aus dem Paradies.

Alle Welt einerlei Zunge und Sprache

Der Mensch hingegen hat seine Lektion nach dem ersten Sündenfall nicht gelernt. Er begeht diverse böse Taten, die Gott am Ende sogar dazu veran­lassen, die Menschheit mittels der Sintflut bis auf Noah auf seiner Arche zu minimieren. Doch einige Genera­tionen später verei­nigen sich die Menschen erneut im Größenwahn. Sie wollen sich „einen Namen machen“ und planen zusammen das Großbau­projekt eines Turmes, dessen „Spitze bis an den Himmel reiche“. Dieses Zusam­men­wirken der Menschen ist nur möglich, weil „alle Welt einerlei Zunge und Sprache“ hatte. Doch Gott missfällt es, dass der Mensch erneut versucht, sich ihm anzugleichen. Er bestraft diese Anmaßung dieses Mal unmit­telbar dort, wo das Laster seinen Anfang hat, nämlich in der Sprache. Erst durch die Einheit der Sprache waren der Zusam­men­schluss, die Planent­wicklung und die Koordi­nation der Baustelle möglich. Zur Strafe nimmt Gott dem Menschen die Einheit der Sprache. „Daher heißt ihr Name Babel, dass der Herr daselbst verwirrt hatte aller Länder Sprache und sie zerstreut von dort in alle Länder“ (Gen. 11, 1–9).

Im neuen Testament findet sich nun die sprach­liche Versöhnung in Form des Pfingst­festes: Menschen verschie­dener Sprache kamen zusammen, doch sie konnten nicht mitein­ander sprechen. Durch die Verschie­denheit der Sprache war eine Verstän­digung ausge­schlossen. Wie sollte unter diesen Umständen die frohe Botschaft erfolg­reich verkündet werden? Vor diesem Problem standen die Apostel zu Pfingsten.

Vom gemeinsamen Geist getragen werden

Der einfachste Weg wäre, dass Gott die Strafe nach dem Turmbau zu Babel rückgängig macht und alle Völker wieder mit einer Sprache sprechen. Doch Gott wählte nicht diesen Weg. Statt die Einheit der Sprache wieder herzu­stellen, geschieht das Pfingst-Wunder: Ein Brausen kam vom Himmel und erfüllte das ganze Haus. „Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab zu sprechen.“ (Apg. 2,3–4). Die Vielfalt der Sprache bleibt bestehen und dennoch ist die frohe Kunde für jeden verständlich, weil sie universell ist. Sie lässt sich in jeder Sprache ausdrücken. Während Gott beim Turmbau zu Babel darauf hinwirkt, dass keiner den anderen verstehen kann, bewirkt er zum Pfingstfest das Gegen­teilt: Jeder versteht jeden, weil ein jeder auch die Sprache des anderen spricht.

Die Botschaft des Pfingst­festes ist also, dass die Verschie­denheit der Sprache, wie sie seit dem Turmbau zu Babel als Fluch auf den Menschen lastet, bestehen bleibt; die Verschie­denheit stellt aber kein Hindernis (mehr) dar. Hinter der Verschie­denheit liegt die funda­mentale Einheit des (Heiligen) Geistes. Im Pfingstfest wird die Verschie­denheit also akzep­tiert und gleich­zeitig überwunden. Die Zuver­sicht des Pfingst­wunders, dass Menschen ihr Trennendes überwinden können, weil sie geistig identisch sind, könnte man vom christ­lichen Glauben lösen, sozusagen „säkula­ri­sieren“: Vielfalt muss nichts Negatives, nichts Trennendes sein. Vielfalt kann bestehen, wenn die Menschen, die zusammen kommen, vom gemein­samen Geist getragen werden und ein gemein­sames Ziel verfolgen. Dann ist Vielfalt vielleicht sogar eine Berei­cherung.

[ Carola Napieralla ]

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