Kultur

Micha Ullmann in Berlin mit „Stufen”

Berlin ist eine reiche Stadt. Sicher mag das Finanz­säckel nicht gerade wohl gefüllt sein, doch wer durch Berlin geht, muss zwangs­läufig einge­stehen, dass diese Stadt alles andere als arm ist. Reichtum und Überfluss gibt es überall. Berlin ist reich an Wald- und Grünflächen, an Seen, Flüssen und Brücken.

Berlin ist vielseitig: Es gibt Industrie, Dienst­leis­tungen, Handwerk, Landwirt­schaft. Das Bildungs­an­gebot der Stadt dank drei Univer­si­täten, weiteren Fachhoch­schulen, einem breiten Angebot an Schulen und Gymnasien und einem gut ausge­bauten Netz der Volks­hoch­schulen spricht für alles andere als für Armut. Berlin verfügt auch über ein Übermaß an kultu­rellen Möglich­keiten wie Theater, Oper, Operette, Kino sowie Kunst­aus­stel­lungen, Denkmälern und Mahnmalen. Angesichts dieses Reichtums ist es kein Wunder, dass der eine oder andere noch „einen Koffer in Berlin“ hat oder dass die Allierten als Fremde kamen und als Freunde gingen.

Brücke zum friedlichen Miteinander

Eines der weltweit berühm­testen Kunst­werke ist die „Versunkene Bibliothek“ auf dem bzw. im Bebel­platz. In den Boden auf der Mitte des Platzes ist eine Glasplatte einge­ar­beitet. Wenn man durch diese hindurch­schaut, blickt man in einen kleinen Raum, in dem leere Bücher­regale stehen. Das Mahnmal besticht durch den Wider­spruch: Das, was nicht da ist, nämlich die Bücher, ist allge­gen­wärtig. Dieses Kunstwerk wurde von Micha Ullmann geschaffen.

Am 29. November 2012 wurde nun das inzwi­schen vierte Kunstwerk von Micha Ullmann in Berlin feierlich eröffnet. Die Stiftung St. Matthäus wandte sich 2007 an den Künstler mit dem Anliegen, die Beziehung zwischen Juden und Christen mittels eines Kunst­werkes wider­zu­spiegeln. Die Heraus­for­derung hätte nicht größer sein können: Das begehrte Kunstwerk sollte das in der Vergan­genheit oft schwierige Verhältnis zwischen Judentum und Chris­tentum symbo­li­sieren und zugleich die Brücke eines fried­lichen Mitein­anders für die Zukunft bauen.

Der Interpretationsspielraum ist grenzenlos

Micha Ullmann nahm die Heraus­for­derung an und entwarf das Kunstwerk „Stufen“. Es ist wieder ein in den Boden versenkter Raum, der mit einer Glasplatte verschlossen ist. Aus dem Unter­grund führen sieben Stufen von unten an die Oberfläche. Oder führen die Stufen von oben nach unten in den versenkten Raum? Hier ist der Betrachter gefragt. Der Inter­pre­ta­ti­ons­spielraum dieses Kunst­werkes ist grenzenlos, auch dadurch, dass es je nach dem Licht­einfall eine andere Schat­tierung und damit eine andere Stimmung erfährt. Zugleich vereint das Kunstwerk Gegen­sätze. Es ist da und es ist nicht da. Es weist nach oben in den Himmel und nach unten in den Abgrund. Es verbindet durch die Treppe und trennt zugleich.

Der Standort dieses Kunst­werkes jedoch lässt keiner Inter­pre­tation Raum: Die Stufen befinden sich in der evange­li­schen St. Matthä­us­kirche am Kultur­forum, in der einst Dietrich Bonhoeffer zum Pfarrer ordiniert wurde. Diese Stand­ortwahl ist ein eindeu­tiges Ja für ein fried­liches Mitein­ander von Judentum und Chris­tentum, ein Angebot zum Dialog, eine Einladung zum gemein­samen Denken, eine Erwartung und Forderung an die Zukunft, ohne die Vergan­genheit zu verdrängen.

Entspre­chend den vielsei­tigen Inter­pre­ta­ti­ons­mög­lich­keiten des Kunst­werkes waren auch die anlässlich des Festaktes gehal­tenen Grußworte, unter anderem von Prof. Monika Grütters (MdB und Vorsit­zende des Kultur­aus­schusses) und Bischof Markus Dröge vielschichtig. Die feier­liche Stimmung an diesem Abend wurde untermalt durch das Sharoun Ensemble Berlin.

Der Festakt war ein dem Anlass entspre­chendes würdiges Ereignis und bescherte Berlin ein weiteres wertvolles Kunstwerk, das dieser Stadt nicht nur ästhe­ti­schen Glanz verleiht sondern auch zum Nachdenken einlädt.

[ Carola Napieralla ]

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