Quo vadis Deutschland?

Unser gesellschaftliches Zusammenleben steht vor nachhaltigen Veränderungen. Wir können diese Veränderungen einfach geschehen lassen oder wir können die Chance ergreifen, sie bewusst selbst voranzutreiben.

Auch wir Christen nehmen das Alte Testament heute nicht mehr wortwörtlich

Hierzu müssen zahlreiche Fragen, die die Fundamente unseres Miteinanders betreffen, beantwortet werden: Verkraftet unsere Demokratie eine mögliche Minderheiten­gesellschaft. Gibt es für uns Werte, die wir als unantastbar anerkennen (die Würde des Menschen fällt jedem sofort ein, aber der Begriff „Würde“ ist seinerseits zu definieren). Wie soll die Religion in unserer Gesellschaft verankert sein, wenn es keine Mehrheits­religion wie bisher sondern mehrere gleichstarke Religionsgemeinschaften nebeneinander gibt? Wie kann man erreichen, dass Bürgerinnen und Bürger in den unterschiedlichen Kultur- und Religionsgemeinschaften zu einem gleichen Verständnis von Toleranz und Respekt erzogen werden?

Solange Wydmusch kann aus eigener Erfahrung berichten
Um bei der Beantwortung dieser gesellschaftspolitischen Fragen mitzuwirken, hatte der Evangelische Arbeitskreis Charlottenburg-Wilmersdorf gemeinsam mit Carsten Engelmann von der CDU OV City-Kurfürstendamm zu einer Veranstaltung mit dem Thema: Islam in Frankreich und Deutschland – Vergleich eingeladen. Die Referentin, Dr. Solange Wydmusch, ist gebürtige Französin und lebt bereits seit 18 Jahren in Deutschland. Ihr Vergleich basierte somit nicht nur auf Theorie, sondern sie kann aus eigener Lebenserfahrung von Unterschieden und Gemeinsamkeiten berichten:

Für Bürokratenhengste wie uns zunächst erstaunlich war die Feststellung, dass es in Frankreich keine statistischen Erhebungen über Mitgliederzahlen gibt. Dies ist eine direkte Folge der Laizität, also der rigorosen Trennung von Staat und Kirche.

Folglich können in Frankreich keine Abgaben zu den Mitgliederzahlen in den einzelnen Konfessionen und Religionen getätigt werden. Außerdem sind die Kirchen aller Religionen ohne den staatlichen Schutz viel mehr auf ihr eigenes Engagement angewiesen, was ua. zu einer engen Zusammenarbeit untereinander führt: Nach den Anschlägen im Januar 2015 auf Charlie Hebdo war es beispielsweise dieser Zusammenschluss der Religionsgemeinschaften, der eine zeitnahe (nur wenige Stunden später) und gemeinsame Erklärung anlässlich der Gräueltaten auf die Redaktion der Satirezeitschrift ermöglichte.

Zunehmend ein schräges Bild
Im Gegensatz zu Frankreich besteht in Deutschland bislang keine rigorose Trennung zwischen Kirche und Staat. In der täglichen Wahrnehmung werden die beiden christlichen Konfessionen als sehr einflussreiche Institutionen wahrgenommen. Von ihnen wird erwartet, dass sie sich in gesellschaftliche und politische Diskussionen einmischen. Die muslimischen Vereinigungen in Deutschland genießen diese Anerkennung nicht.

Durch die Mitgliederbewegungen in den deutschen Religionsgemeinschaften entsteht jedoch zunehmend ein schräges Bild: Die christlichen Konfessionen wirken sehr stark, während sie zeitgleich unter großem Mitgliederschwund leiden und somit eher schwächer werden. Die muslimischen Gemeinden hingegen werden im öffentlichen Raum nicht als starker Verhandlungspartner wahrgenommen, während sie sich über einen kontinuierlichen Mitgliederzuwachs freuen dürfen.

Auf die vielseitig aus dem Publikum geäußerte Sorge vor dem Islam (Stichwort Parallelgesellschaft, Scharia, Ungleichbehandlung von Mann und Frau etc.) reagierte Dr. Wydmusch gelassen: In allen Religionen gab es Phasen, in denen die Religion missbraucht wurde. Auch der Islam hatte eine Art „Aufklärung“ (vgl. Avicenna, Averroes) durchlebt, die sich chronologisch sogar vor der europäischen Aufklärung vollzog. Dr. Wydmusch vertraut darauf, dass sich die Gläubigen mit ihrer Religion auseinander­setzten und dank einer guten Bildung selber entscheiden können, welche Passagen der Heiligen Schrift man ins Heute transformieren kann und welche Regeln der Vergangenheit angehören.

Auch wir Christen nehmen das Alte Testament heute nicht mehr wortwörtlich als Entscheidungsgrundlage, auch wenn es für den einen oder anderen immer noch von großer Bedeutung ist. Im multi-religiösen Zusammenleben ist es vor allem wichtig, dass auf eine gute und fundierte Bildung geachtet wird. Dabei, so Dr. Wydmusch, ist die Erziehung zu Toleranz nicht ausreichend. Erforderlich ist Respekt vor dem Anderen – egal, wie das Andere in Erscheinung tritt: anders in der Religion, in der Kultur, in der Lebenseinstellung. Mehr Respekt voreinander – das ist eine Forderung, der sich der Evangelische Arbeitskreis und Carsten Engelmann vollends anschließen!

Carola Napieralla

Ihr Kommentar zum Thema