Diskurs, Mensch & Kirche

Sexuelle Vielfalt darf nicht zur Ideologie werden

Eigentlich würde man ja meinen, dass die Sexual­erziehung in der Schule bildungs­po­li­tisch ein Thema von gestern sei. Weit gefehlt: Sowohl in Frank­reich als auch dem sonst doch so beschau­lichen Ländle gibt es gegen­wärtig kaum ein leiden­schaft­licher disku­tiertes Thema als die Sexual­erziehung in den Schulen.

In Baden-Württemberg sollen nach dem Bildungsplan 2015 die Lebens­formen von Lesben, Schwulen, Bisexu­ellen, Trans­se­xu­ellen, Trans­gender und Inter­se­xu­ellen (im Bildungs­jargon LSBTTI-Menschen) nicht nur im Sexual­kun­de­un­ter­richt, sondern fächer­über­greifend behandelt werden.

In einigen Bundes­ländern, darunter Berlin und Nordrhein-Westfalen, ist dies bereits Realität.

In Frank­reich hat die Regierung das Pilot­projekt „ABCD de l’égalité“ gestartet, eigentlich ein pädago­gi­sches Programm zur Gleichheit von Mädchen und Jungen, hinter dem viele Menschen aller­dings ähnliche Bildungs­ziele vermuten wie in Baden-Württemberg. Eltern befürchten nun, dass ihre Kinder „umerzogen“ werden und kriti­sieren die Reformen zum Teil heftig und polemisch. In Baden-Württemberg haben rund 200.000 Menschen im Internet die Gegner der neuen Lehrpläne unter­stützt, in Frank­reich wurde vor kurzem von Eltern der Unter­richt boykot­tiert und am Sonntag demons­trierten weit über 100.000 Teilnehmer der Initiative „Manif pour tous” in Paris und Lyon auch wegen der Sexual­erziehung. In allen Fällen war die Reaktion der Kriti­sierten harsch, teilweise unver­schämt.

Vorrang des gesundheitlichen Schutzes

Die Kritiker und besorgten Eltern (von extremen Fanatikern jeweils abgesehen) als „homophob” zu beschimpfen, ist dabei genauso unsinnig wie die Reform­be­für­worter als „familiphob” zu bezeichnen, wie dies in Frank­reich jetzt geschieht. Nein, keiner stellt ernsthaft die Notwen­digkeit in Frage, Kinder und Jugend­lichen zu Toleranz gegenüber unter­schied­lichen Lebens­formen zu erziehen. Und auch Konser­vative können kaum leugnen, dass die staat­liche Anerkennung der Übernahme gegen­sei­tiger Verant­wortung von Menschen fürein­ander etwa in einer einge­tra­genen Lebens­part­ner­schaft hohe Wertschatzung verdient.

Stein des Anstoßes sind Vorstellungen der Gender-Theorie

Was viele Eltern beunruhigt, ist das Gefühl, Kindern und Jugend­lichen sollen ideolo­gi­siert werden. Stein des Anstoßes sind Vorstel­lungen der so genannten Gender-Theorie. Diese unter­scheidet zwischen natür­lichem und sozialem Geschlecht eines Menschen. Eine solche Unter­scheidung kann ja sozio­lo­gisch durchaus zweck­mäßig sein. Aber wenn dies mit der Vorstellung verbunden ist, dass das von der Natur vorge­gebene Geschlecht eines Menschen weniger entscheidend als das soziale und der Mensch sich letztlich sein Geschlecht aussuchen müsse, kommt darin ein Menschenbild zum Ausdruck, das man vielleicht teilen kann, aber keineswegs muss.

Und in der Tat, Sätze im baden-württem­ber­gi­schen Bildungs­re­formplan 2015 wie „Schüle­rinnen und Schüler reflek­tieren ihre eigenen Bedürf­nisse, ihr Körperbild, ihre sexuelle Orien­tierung und ihr Verhalten in Bezug auf die von der Umwelt geprägten Vorstel­lungen und treffen selbst­be­stimmte Konsum­entschei­dungen” wirken befremdlich. Dies gilt insbe­sondere für Menschen, die von der revolu­tio­nären These ausgehen, dass ein Mensch nun einmal als Mann oder Frau geboren wird, die Geschlecht­lichkeit auch die natür­liche Voraus­setzung für den Erhalt der Menschheit ist und Sexual­erziehung Kindern und Jugend­lichen vor allem beim verant­wor­teten Umgang mit ihrer Geschlecht­lichkeit helfen soll.

Allein der Verdacht einer Ideologisierung ist gefährlich

Wie auch immer man über verschiedene Fragen denkt, eines ist klar: Hier geht es nicht mehr so sehr um die Rechte von Minder­heiten, sondern um das Erzie­hungs­recht der Eltern. Natürlich darf und muss der Staat auch in der Erziehung Intoleranz entge­gen­wirken. Und keiner wird leugnen können, dass wir hier im Umgang mit sexuellen Minder­heiten lange Nachhol­bedarf hatten und teilweise noch haben. Aber es steht einem Staat nicht zu, den Unter­richt unter dem Vorwand falsch verstan­dener Toleranz zu ideolo­gi­sieren. Und allein der Verdacht einer solchen Ideolo­gi­sierung ist gefährlich. Was wir brauchen, ist eine sachliche inhalt­liche Debatte über die Erzie­hungs­in­halte. Nur das wird das Misstrauen der Eltern besei­tigen. Es gilt, ein vernünf­tiges Gleich­ge­wicht zu finden zwischen der Erziehung zum Verständnis für Menschen, die anders­artig sind als man selbst, einer­seits und dem elter­lichen Erzie­hungs­recht anderer­seits. Wer nicht bereit ist, diese Diskussion zu führen, sondern einseitig seine ideolo­gi­schen Vorstel­lungen durch­setzen will, der muss sich selbst fragen lassen, wie weit her es mit seiner Toleranz und seinem Freiheits­ver­ständnis ist.

Quelle: Der Tages­spiegel

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