Kultur

Vorweihnachtszeit

Entmüllen“ war das Stichwort. Überall stand, lag oder hing etwas herum, was letztlich nur dem Zwecke diente, einzu­stauben. Also hatte meine Frau beschlossen, dass wir uns entmüllen müssten und das bis in Schränke, Schub­fächer, Regale und sonstige Ecken hinein.

Also hatte meine Frau beschlossen, dass wir uns entmüllen müssten und das bis in Schränke, Schub­fächer, Regale und sonstige Ecken hinein, in die wir alles das abgelegt hatten, was wir brauchen würden, wenn ein eigentlich unvor­stell­bares und ersichtlich nicht zu erwar­tendes Ereignis eines Tages doch noch eintreten würde.

Übertriebener Arbeitseinsatz

Und jetzt, als draußen der vorweih­nacht­liche Schnee­matsch auf den Straßen nicht gerade dazu einlud, den Schreib­tisch­sessel in einem warmen und trockenen Arbeits­zimmer gegen Stiefel und Regen­mantel zu tauschen, hatte sich in einem Moment der Ratlo­sigkeit um die Gestaltung des Tages­ab­laufs eben jenes Stichwort in mir gemeldet. Sicherlich hatte ich im Unter­be­wusstsein auch versucht, mich aus dem Stress um das Finden geeig­neter Geschenke zu Weihnachten und die üblichen Vorbe­rei­tungen für die Weihnachts­fei­ertage weitgehend heraus­zu­halten. Selbst Aufräumen gefiel mir angesichts jener Alter­native besser.

Mir war bewusst, dass ein übertrie­bener Arbeits­einsatz zu frühnach­mit­täg­licher Stunde sicherlich fehl am Platze war, zumal man nichts anreißen sollte, was nicht in angemes­sener Zeit zu einem guten Ende geführt werden könnte. So griff ich mir aus dem untersten Schreib­tischfach – wenigstens ein Anfang sollte schon sein – einen im Laufe der Zeit langsam gewach­senen kleinen Stapel Briefe und Postkarten heraus.

Ich begann zu lesen. Man grüßte uns aus dem Harz und aus Bangkok, vom Skifahren und Tauchen, man wünschte Glück und Gutes zu Geburts­tagen, fröhliche Weihnachten und immer wieder ein erfolg­reiches und glück­liches neues Jahr. Traurige Nachrichten gab es, aber auch Witziges. Manches Schrift­stück strahlte eine stolze Idee aus, mancher Verfasser hatte offen­sichtlich nur eine irgendwie zu absol­vie­rende Pflicht­übung zu Papier gebracht.

Dann stieß ich auf den Weihnachtsgruß einer lieben Freundin, geschrieben vor etlichen Jahren. Sie berichtete von einer Reise mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn, der große Fortschritte mit dem Lesen und Rechnen mache und weiter schrieb sie: „Gestern kam er nur mit seinen langen Unter­hosen aus der Schule nach Hause. Das störte ihn wenig. Seine Hose hatte ein anderer Junge an. Nach dem Turnen hatte er seine nicht gefunden. Außerdem findet er das Leben vor Weihnachten so schön.“

Postkarte der Kinderhilfe

Ich war verdutzt. Der kleine Knirps fand das Leben vor Weihnachten so schön. „Was ist das? Was macht ihm das Leben vor Weihnachten so schön?“, fragte ich mich. Je länger ich grübelte, desto mehr Antworten fand ich. Aber das waren ja nur meine Antworten und einen Anspruch auf Richtigkeit hatten sie nicht in Ansätzen.

Gedan­ken­ver­sunken blätterte ich durch Karten und Briefe, bis das Bild von Aurikeln und Primeln auf einer Postkarte der Kinder­hilfe meine Aufmerk­samkeit weckte. In schöner Schrift wünschte uns eben jener kleine Knirps, nun um einige Jahre gereifter und inzwi­schen ein kleiner Mann, ein selbst geschrie­benes frohes neues Jahr und schrieb: „Ich bedanke mich für den Gutschein, den ich sogleich in Lego inves­tiert habe. Hoffentlich ist meine Rakete nicht zu nahe an Eurer Nase vorbei­ge­zischt!“

Eine dritte Postkarte kam wiederum Jahre später von ihm, dem nun jungen Mann, zu Weihnachten aus Dubai und seine Weihnachts­grüße schloss er, quasi von Mann zu Mann, mit dem Satz: „Übrigens: Hier bekommt man schon ein Kamel für nur zwei Frauen.“ Ich griff zum Telefon und wählte seine Nummer.

Eine Frauen­stimme sagte: „Der Chef ist in einer Bespre­chung.“ Ich sagte: „Es ist privat.“ „Ach so“, sagte sie und stellte das Gespräch durch.

Nach kurzen und freudig gewech­selten Begrü­ßungs­worten sagte ich: „Ich habe da mal eine Frage.“ „Ja, na klar“, sagte er. „Aber mach schnell, ich muss gleich los!“ „Kein Problem. Also: deine Mutter hat uns einmal, als du noch ganz klein warst, geschrieben, dass du die vorweih­nacht­liche Zeit so schön fandest. Weißt du noch , warum?“
„Oh Mann“, stutzte er, „du kannst Fragen stellen! Wie kommst du denn jetzt darauf?“
„Ich habe eine alte Postkarte gefunden. Da schreibt deine Mutter genau das.“
„Also, nee, keine Ahnung mehr. Wahrscheinlich wegen der Weihnachts­ge­schenke.“
„Wegen der Weihnachts­ge­schenke?“, wieder­holte ich. „Du, wir haben jetzt Vorstands­sitzung. Aber inter­es­sante Frage. Werde mal drüber nachdenken.“

Wir versprachen einander, unsere Frauen zu grüßen und uns „auf bald“ zusam­men­zu­setzen. Ich durch­blät­terte meinen Stapel alter Postkarten und Briefe, stieß aber auf nichts mehr, was mein Interesse hätte wecken können. Oder hatte ich eigentlich überhaupt noch richtig hinge­sehen?

[ Tomasz Owczarz ]

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